Die Dendrochronologie gehört zu den leistungsfähigsten Methoden zur Datierung historischer Holztafeln. Doch ein Jahrring datiert zunächst das Holz und nicht automatisch das Gemälde. Zwischen dem jüngsten messbaren Jahrring, dem Fällen des Baumes und dem Moment, in dem ein Maler den Pinsel auf die Tafel setzte, liegen mehrere einzelne Schritte. Und genau dort beginnt die kunsthistorische Interpretation.

Vom Jahrring zum Kalenderjahr

Die Dendrochronologie, wörtlich die Datierung anhand von Baumringen, beruht auf einem einfachen Prinzip. Ein Baum bildet jedes Jahr einen neuen Wachstumsring. Dessen Breite variiert unter dem Einfluss verschiedener Faktoren, darunter die klimatischen Bedingungen. Bäume aus derselben Region weisen daher über längere Zeiträume vergleichbare Abfolgen relativ breiter und schmaler Jahrringe auf.

Bei einem Kunstwerk aus Holz wird eine solche Folge von Jahrringen vermessen und mit bereits datierten Referenzchronologien verglichen. Ist die Sequenz lang genug und stimmt sie überzeugend mit einer bekannten Chronologie überein, können den einzelnen Ringen konkrete Kalenderjahre zugeordnet werden. Diese Methode dient sowohl zur Datierung von Objekten aus Eichenholz als auch zur Untersuchung der geografischen Herkunft des Holzes.[1]

Querschnitt durch Eichenholz mit deutlich sichtbaren Jahrringen. Die Dendrochronologie nutzt das Muster aufeinanderfolgender Wachstumsringe, um Holz mit datierten Referenzchronologien zu vergleichen.

Bei Tafelgemälden werden die Jahrringe vorzugsweise dort gemessen, wo sie im Querschnitt der Holztafel gut sichtbar sind. Früher geschah dies häufig direkt mit einer Lupe und entsprechenden Messgeräten. Heute können hochauflösende digitale Makrofotografie und spezialisierte Software eingesetzt werden.

Nicht jede Holztafel eignet sich gleichermaßen für diese Methode. Eichenholz ist für die Untersuchung nordeuropäischer Tafelmalerei besonders gut geeignet und bildet deshalb ein wichtiges Gebiet dendrochronologischer Forschung. Pappelholz, das häufig für italienische Gemälde verwendet wurde, ist aufgrund seines unregelmäßigeren Wachstums für die traditionelle dendrochronologische Datierung deutlich weniger geeignet.[2] Doch selbst bei einer erfolgreich datierten Eichentafel ist damit noch nicht das Entstehungsdatum des Gemäldes bestimmt.

Der jüngste Jahrring ist nicht das Fälldatum

Die erste Frage nach einer erfolgreichen Messung lautet daher: Wie viel vom ursprünglichen Baum ist noch erhalten?

Ein Eichenstamm besteht aus Kernholz, das vom Splintholz umgeben ist; ganz außen befindet sich schließlich die Rinde. Beim Sägen und Zurichten der Bretter wurde ein Teil dieses äußeren Holzes in der Regel entfernt. Der jüngste Jahrring, der heute am Rand eines Gemäldes gemessen werden kann, muss deshalb keineswegs der letzte Ring sein, den der Baum vor seiner Fällung gebildet hat.

Untersuchung der Hirnholzseite einer Holztafel. Die sichtbaren Jahrringe können vermessen und mit datierten Referenzchronologien verglichen werden.

Ist ausschließlich Kernholz erhalten, wissen wir, dass der Baum nach dem Kalenderjahr des äußersten gemessenen Jahrrings gefällt wurde. Wie viele Jahre genau fehlen, lässt sich jedoch nicht unmittelbar aus der Tafel ablesen. Die dendrochronologische Datierung liefert dann im Wesentlichen einen terminus post quem: einen Zeitpunkt, vor dem die Tafel nicht hergestellt worden sein kann.

Ist hingegen noch ein Teil des Splintholzes erhalten, kann das mögliche Fälldatum genauer abgeschätzt werden. Und wenn das vollständige Splintholz bis zur ursprünglichen Außenseite des Stammes erhalten geblieben ist, kann unter günstigen Umständen der letzte Wachstumsring und damit das Fälljahr mit hoher Genauigkeit bestimmt werden.[3]

Baltische Eiche und Dendroprovenienz

Ein großer Teil des hochwertigen Eichenholzes, das zwischen dem späten Mittelalter und dem 17. Jahrhundert in Westeuropa verarbeitet wurde, gelangte über weitreichende Handelsnetze aus Gebieten östlich und südlich der Ostsee in den Westen.[4]

Dendrochronologen können die Wachstumsmuster daher nicht nur zur Datierung nutzen, sondern sie auch mit regionalen Chronologien vergleichen, um die wahrscheinliche Herkunft des Holzes zu untersuchen: die sogenannte Dendroprovenienz. Eine Folge von Jahrringen kann somit sowohl Aufschluss darüber geben, wann ein Baum wuchs, als auch Hinweise auf die Handelswege liefern, über die das Material vermutlich zu einem Tafelmacher oder in eine Künstlerwerkstatt gelangte.[5]

Eine gemalte oder aufgeschriebene Datierung und eine dendrochronologische Datierung des Holzes sind unterschiedliche Formen von Evidenz. Beide müssen gemeinsam mit Maltechnik, Stil, Provenienz und weiteren Untersuchungsergebnissen beurteilt werden.

Vom gefällten Baum zum Gemälde

Selbst ein präzise bestimmtes Fälldatum ist noch nicht das Entstehungsdatum eines Gemäldes. Nach dem Fällen musste der Stamm bearbeitet, das Holz transportiert und getrocknet, das Brett zugesägt und zur Maltafel verarbeitet werden. Anschließend konnte eine Tafel noch einige Zeit bei einem Tafelmacher, Händler oder Maler gelagert werden, bevor sie grundiert und bemalt wurde.

Gerade über diesen Zeitraum wurde in der Vergangenheit häufig zu stark verallgemeinert. In dendrochronologischen Gutachten und in der kunsthistorischen Literatur wurden regelmäßig feste Jahreszahlen als vermeintliche Trocknungs- oder Lagerzeit hinzugerechnet. Tatsächlich können die dazwischenliegenden Jahre Transport, Trocknung, Verarbeitung zur Tafel und eine mögliche Lagerung bei Zwischenhändlern oder Künstlern umfassen. Der längere Zeitraum bei Holz aus dem östlichen Ostseeraum hängt wahrscheinlich zum Teil mit dieser längeren logistischen Kette zusammen.[6]

Wenn zwei Gemälde aus demselben Baum stammen

Die Dendrochronologie kann noch etwas anderes sichtbar machen, das für die Kennerschaft besonders interessant ist. Bretter verschiedener Gemälde können so stark übereinstimmende Jahrringmuster aufweisen, dass die Forschung mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass sie aus demselben Baum stammen.[6]

Dadurch können Aspekte der Werkstattpraxis sichtbar werden. Maler konnten mehrere Tafeln gleichzeitig erwerben; verschiedene Künstler konnten offenbar Tafeln beziehen, die von demselben Tafelmacher hergestellt oder über denselben Lieferanten vertrieben worden waren. Ein ansonsten nicht datierbares Werk, dessen Holz aus demselben Baum stammt wie das eines überzeugend datierten Gemäldes, erhält dadurch einen neuen chronologischen Anhaltspunkt.

Dendrochronologische Untersuchung eines Eichenbalkens.

Die Stärke eines negativen Ergebnisses

Für Zuschreibungsfragen ist die Dendrochronologie vielleicht dann am aussagekräftigsten, wenn sie etwas ausschließt. Ist ein Künstler im Jahr 1600 gestorben und lässt sich nachweisen, dass der Baum, aus dem eine Tafel gefertigt wurde, erst nach 1610 gefällt worden sein kann, dann kann das Gemälde in seiner heutigen Form nicht zu Lebzeiten dieses Künstlers auf dieser Tafel entstanden sein.

Eine Tafel, deren Holz bereits 1580 verfügbar gewesen sein könnte, beweist umgekehrt nicht, dass sie von einem um 1580 tätigen Maler bemalt wurde. Älteres Holz konnte später verwendet oder wiederverwendet werden. Ein passendes dendrochronologisches Datum macht eine Zuschreibung daher möglich oder chronologisch vereinbar, beweist sie jedoch nicht.

Dasselbe gilt für eine Signatur. Die Dendrochronologie kann zeigen, dass das Holz chronologisch nicht mit einer vermeintlichen Signatur vereinbar ist; sie kann jedoch nicht feststellen, wessen Hand die Farbe aufgetragen hat. Technische Untersuchungen sind bei Zuschreibungsfragen daher nur ein Bestandteil neben Stil, Maltechnik, Provenienz, Dokumentation, Materialanalyse und weiteren kunsthistorischen Befunden.

Auch ein dendrochronologisches Gutachten muss überprüfbar sein

Das ist umso wichtiger, als dendrochronologische Untersuchungen selbst erneut überprüft werden können.[7] Für Sammler, Händler oder Forscher ist deshalb die bloße Zusammenfassung „dendrochronologisch datiert“ nicht ausreichend. Ein fundiertes Gutachten dokumentiert, welches Brett untersucht wurde, wie viele Jahrringe gemessen wurden, aus welchem Jahr der jüngste datierte Ring stammt, ob Kern- und Splintholz unterschieden werden konnten, welche Referenzchronologien verwendet wurden, wie stark die statistischen Übereinstimmungen sind, welche Holzprovenienz vorgeschlagen wird und welche Annahmen bei der Ableitung eines möglichen Fäll- oder Verwendungsdatums aus dem jüngsten Jahrring zugrunde gelegt wurden.

Was datiert die Dendrochronologie also tatsächlich?

Die präziseste Antwort ist weniger einfach als „das Gemälde“. Die Dendrochronologie datiert zunächst das Wachstum des Holzes. Aus dem jüngsten erhaltenen Jahrring und dem Vorhandensein oder Fehlen von Splintholz wird anschließend auf das frühestmögliche oder wahrscheinliche Fälldatum geschlossen. Danach muss beurteilt werden, wie viel Zeit zwischen dem Fällen, dem Transport, der Trocknung und Verarbeitung des Holzes und der tatsächlichen Verwendung der Tafel gelegen haben kann.

Erst wenn diese verschiedenen Ebenen voneinander getrennt werden, erhält das dendrochronologische Ergebnis seine kunsthistorische Aussagekraft.

Ein dendrochronologisches Ergebnis kann eine Chronologie erheblich präzisieren, einen Zusammenhang zwischen Werkstätten nahelegen, Handelswege des Holzes sichtbar machen oder eine Zuschreibung chronologisch ausschließen. Es kann jedoch nicht eigenständig beweisen, wann die Farbe auf das Holz aufgetragen wurde – und noch weniger, wer den Pinsel führte.

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Anmerkungen und Quellen

[1] Rijksmuseum, Conservation Science, „Dendrochronologie“, Forschungsprojekt zur Datierung und geografischen Herkunft hölzerner Kunstobjekte.

[2] National Gallery, London, „Dendrochronology“, Glossary, zur dendrochronologischen Datierung von Tafelgemälden und zu den Einschränkungen bei Pappelholz.

[3] Kirsten Weterings, Marta Domínguez-Delmás & Sven Dupré, „Legacy tree-ring dataset reveals rapid use of panels in 17th-century Dutch and Flemish painting workshops“.

[4] Aoife Daly & Ian Tyers, „The sources of Baltic oak“, Journal of Archaeological Science 139.

[5] Andrea Seim et al., „Timber trade in 17th-century Europe: different wood sources for artworks of Flemish painters“, Scientific Reports 14.

[6] Weterings, Domínguez-Delmás & Dupré, „Legacy tree-ring dataset“, 2026.

[7] Marta Domínguez-Delmás, „A replication study in dendrochronology, revisiting the panels of two portraits of Rembrandt“, Humanities and Social Sciences Communications 12, 1778, 19. November 2025.