Wer ein altes Gemälde erbt, stellt sich fast zwangsläufig dieselben Fragen. Wer hat es gemalt? Wie alt ist es tatsächlich? Ist die Signatur authentisch? Sollte es gereinigt werden? Und schließlich: Hat das Gemälde einen finanziellen Wert? Diese letzte Frage sollte jedoch nicht die erste sein.
Bei einem geerbten Gemälde besteht die erste Aufgabe nämlich nicht darin, seinen Wert zu bestimmen, sondern darin, Informationen zu bewahren. Ein Gemälde ist mehr als nur seine bemalte Oberfläche. Der Bildträger, der Rahmen, die Rückseite, alte Etiketten, Inventarnummern, Beschriftungen, Familiendokumente und sogar historische Fotografien können Informationen enthalten, die später für die Identifizierung, Datierung, Provenienzforschung und Wertermittlung von Bedeutung sein können.
Wer zu schnell putzt, einen alten Rahmen entfernt oder ein Etikett von der Rückseite ablöst, weil es unwichtig erscheint, kann gerade dadurch Informationen vernichten, die sich später nicht mehr rekonstruieren lassen.

Was Sie vor allem nicht tun sollten
Der Wunsch, ein altes Gemälde zunächst „ein wenig aufzufrischen“, ist verständlich. Dennoch gehört das Reinigen zu den ersten Dingen, von denen abgeraten wird.
Eine vergilbte oder dunkel erscheinende Malschicht ist nämlich nicht zwangsläufig verschmutzt. Was an der Oberfläche sichtbar ist, kann aus Oberflächenverschmutzungen, verfärbtem Firnis, alten Retuschen, Übermalungen oder einer Kombination daraus bestehen. Ohne Kenntnisse über den Aufbau der Farb- und Firnisschichten lässt sich nicht beurteilen, welche Behandlung gefahrlos möglich wäre.
Verwenden Sie daher weder Wasser noch beispielsweise Alkohol oder Speichel. Auch ein weiches Tuch ist nicht automatisch harmlos. Bei einer instabilen Malschicht kann bereits eine geringe mechanische Belastung ausreichen, um Farbpartikel abzulösen. Dasselbe gilt für andere gut gemeinte Eingriffe.

Lassen Sie auch den alten Rahmen vorerst am Gemälde
Ein beschädigter, dunkler oder altmodischer Rahmen wird manchmal vorschnell als wertlos betrachtet. Das ist nicht ratsam.
Ein Rahmen kann später entstanden sein als das Gemälde, er kann jedoch ebenso in einer historischen Beziehung zu dem Werk stehen. Alte Etiketten, Nummern, Kreidevermerke und Befestigungsmaterialien können darüber hinaus Informationen über frühere Eigentümer, Kunsthändler, Ausstellungen oder Auktionen enthalten. Alt aussehendes Material macht ein Gemälde nicht automatisch alt – ebenso wenig beweist ein antiker Rahmen, dass das Gemälde im selben Zeitraum entstanden ist.
Eine Signatur ist ein Hinweis, aber noch keine Schlussfolgerung
Gerade hier kommt es erstaunlich häufig zu Fehleinschätzungen. Auf einem Gemälde steht beispielsweise „J. Israëls“, „Corot“, „Maris“, „Koekkoek“ oder der Name eines anderen bekannten Künstlers. Der Eigentümer sucht nach diesem Namen, findet Auktionsergebnisse im Bereich von mehreren Tausend oder Zehntausend Euro und zieht daraus den Schluss, dass das eigene Gemälde vermutlich in dasselbe Preissegment gehört.

So funktioniert eine Zuschreibung jedoch nicht. Eine Signatur muss immer im Zusammenhang mit dem gesamten Gemälde untersucht werden. Befindet sie sich an einer plausiblen Stelle innerhalb oder auf der Malschicht? Scheint sie gleichzeitig mit dem Gemälde entstanden zu sein? Auch Monogramme, Initialen und schwer lesbare Namen können von Bedeutung sein.
Mindestens ebenso wichtig ist: Ein unsigniertes Gemälde ist nicht zwangsläufig unbedeutend. Es gibt bedeutende Gemälde ohne sichtbare Signatur, während zugleich unzählige signierte Bilder nur einen begrenzten Handelswert besitzen. Die Qualität und Identität des Objekts sind wichtiger als der Name, der darauf steht.
Betrachten Sie die Rückseite mindestens ebenso aufmerksam wie die Vorderseite
Ein Gemälde erzählt einen wichtigen Teil seiner Geschichte manchmal auf seiner Rückseite. Dort können sich Etiketten von Kunsthandlungen, Auktionsnummern, Sammlungs- oder Inventarnummern, Namen von Eigentümern, handschriftliche Datierungen und Titel befinden. Solche Angaben können für die Provenienzforschung außerordentlich wertvoll sein.

Unter Provenienz oder Herkunft verstehen wir die Eigentums- und Standortgeschichte eines Kunstwerks von seiner Entstehung bis in die Gegenwart. Diese Geschichte lässt sich unter anderem anhand von Inventaren, alten Auktionskatalogen, Korrespondenzen, Ausstellungskatalogen, Sammlungsunterlagen, Etiketten, Stempeln, Rechnungen und Beschriftungen auf dem Kunstwerk selbst rekonstruieren.
Werfen Sie alte Etiketten daher niemals weg. Selbst ein Name, der Ihnen nichts sagt, kann sich später als genau das fehlende Bindeglied erweisen. Eine mit Bleistift notierte Nummer mag bedeutungslos erscheinen. Doch gerade solche Details können ein Objekt mit einer historischen Sammlung oder einem früheren Verkauf in Verbindung bringen.
Schreiben Sie auf, woran sich Ihre Familie noch erinnert
Bei einem Nachlass verfügen Sie über etwas, das einem späteren Käufer möglicherweise nicht mehr zur Verfügung steht: die mündlich überlieferte Familiengeschichte. Halten Sie diese Informationen fest, bevor sie verloren gehen.
Von wem stammte das Gemälde ursprünglich? Befand es sich bereits im Besitz eines Großeltern- oder Urgroßelternteils? Weiß jemand, wann es erworben wurde? Sind Rechnungen, Briefe, Inventarlisten, Versicherungsunterlagen oder ältere Gutachten erhalten geblieben?
Alt bedeutet nicht automatisch wertvoll
Dies ist vielleicht eines der wichtigsten Missverständnisse im Zusammenhang mit geerbter Kunst. Ein Gemälde kann hundert, zweihundert oder dreihundert Jahre alt sein und dennoch nur einen bescheidenen kommerziellen Wert besitzen. Umgekehrt kann ein wesentlich jüngeres Werk sehr begehrt sein. Das Alter allein ist daher kein Maßstab für den Wert.

Bei einer marktorientierten Bewertung spielen mehrere Faktoren gleichzeitig eine Rolle. Je nach Art des Gemäldes können unter anderem folgende Aspekte relevant sein: der Künstler oder mögliche Künstler, die Sicherheit der Zuschreibung, die künstlerische Qualität, die Entstehungsphase innerhalb des Œuvres, das Format, der Zustand und die Nachfrage nach Werken dieses Künstlers.
Deshalb ist die Frage „Wie viel ist ein Gemälde von Künstler X wert?“ eigentlich nicht präzise genug. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie verhält sich dieses konkrete Werk zu hinreichend vergleichbaren Werken, die tatsächlich auf dem Markt verkauft worden sind?
Was ist mein Gemälde wert?
Auch der Begriff Wert erfordert Präzision. Eine Auktionsschätzung ist beispielsweise etwas anderes als ein Versicherungswert. Und ein Angebotspreis im Internet ist noch lange kein tatsächlich erzielter Verkaufspreis.
Dieser Unterschied ist wichtig. Immer wieder werden Gemälde online zu bestimmten Preisen angeboten, die anschließend als Beleg für ihren Marktwert herangezogen werden. Doch ein Inserat beweist lediglich, dass jemand einen bestimmten Betrag verlangt. Es beweist nicht, dass ein Käufer bereit ist, diesen Betrag auch zu bezahlen.
Auch das Vergleichsmaterial muss ausreichend relevant sein. Ein kleines Spätwerk eines Künstlers lässt sich nicht ohne Weiteres mit einem großformatigen frühen Meisterwerk vergleichen, selbst wenn unter beiden Gemälden derselbe Name steht. Unter anderem können Unterschiede bei Zustand, Provenienz, Ausstellungsgeschichte, Publikationsgeschichte und Sicherheit der Zuschreibung erheblichen Einfluss auf den Wert haben.

Zustand: Wann sind Risse und Craquelé ernst zu nehmen?
Ein altes Gemälde ganz ohne Alterungsspuren ist eher die Ausnahme als die Regel. Craquelé – das Netz feiner Risse, das sich in Farb- und teilweise auch Firnisschichten entwickeln kann – ist für sich genommen noch kein Grund zur Beunruhigung.
Auch Risse oder Löcher in der Leinwand, Wasserschäden, alte Übermalungen und starke Verformungen einer Holztafel verdienen Aufmerksamkeit. Ein beschädigtes Gemälde muss deshalb jedoch nicht wertlos sein. Welche wirtschaftliche Bedeutung ein Schaden hat, hängt unter anderem vom Künstler, von der Seltenheit des Werks, seiner Qualität, dem Umfang und der Lage der Beschädigung sowie von Art und Umfang früherer Restaurierungen ab.
Eine kleine Restaurierung in einem unbedeutenden Bereich des Hintergrunds ist etwas völlig anderes als ein großflächiger Farbverlust im Gesicht eines Porträts. Auch hier ist der Zusammenhang entscheidend. Außerdem sollte zunächst geklärt werden, welche kunsthistorische und wirtschaftliche Bedeutung ein Gemälde ungefähr besitzt, bevor erhebliche Summen für eine Restaurierung ausgegeben werden.
Kann eine wissenschaftliche Untersuchung feststellen, wer ein Gemälde gemalt hat?
In manchen Fällen können technische Untersuchungen wichtige Erkenntnisse liefern. Je nach Gemälde können Fachleute beispielsweise Pigmente, Holzarten, Jahrringe bei Holztafeln, Unterzeichnungen und die verwendeten Materialien untersuchen.
Dafür stehen unterschiedliche Untersuchungsmethoden zur Verfügung, darunter Infrarotreflektografie, Untersuchungen unter ultraviolettem Licht, dendrochronologische Untersuchungen und Pigmentanalysen. Solche Verfahren können außerordentlich wertvoll sein. Technische Untersuchungen sind jedoch keine Maschine, die nach einer einzigen Messung den Namen des Malers ausgibt.

Eine Materialanalyse kann beispielsweise nachweisen, dass ein bestimmtes Pigment erst wesentlich später verfügbar war als zu dem Zeitpunkt, auf den das Gemälde angeblich datiert wird. Bei geeigneten Holztafeln kann die Dendrochronologie Informationen über die Wachstumsperiode des verwendeten Holzes liefern und dadurch Grenzen für eine mögliche Datierung setzen.
Röntgenuntersuchungen können Veränderungen innerhalb einer Komposition sichtbar machen. Infrarotuntersuchungen können in bestimmten Fällen eine Unterzeichnung erkennen lassen. Die abschließende Beurteilung beruht in der Regel auf einer Kombination aus kunsthistorischer, stilistischer, materialtechnischer und provenienzbezogener Forschung.

Deshalb lässt man bei einem beliebigen geerbten Gemälde nicht automatisch ein kostspieliges Paket technischer Analysen durchführen. Zunächst muss festgestellt werden, ob das Objekt überhaupt genügend Anhaltspunkte bietet, um weiterführende Untersuchungen zu rechtfertigen.
Ich finde denselben Künstler online für 25.000 €. Ist mein Gemälde dann ebenfalls so viel wert?
Nicht unbedingt. Dies ist eine der häufigsten Fallstricke bei eigenen Recherchen. Angenommen, Sie besitzen ein Gemälde, auf dem der Name eines bekannten Landschaftsmalers des 19. Jahrhunderts steht. Anschließend finden Sie online ein Werk, das für 4.500 € angeboten wird, ein Auktionsergebnis von 18.000 €, ein Gemälde bei einem Kunsthändler für 32.500 € und ein weiteres Werk, das für 1.200 € verkauft wurde.
Welcher Preis ist nun richtig? Möglicherweise alle. Es kann sich um unterschiedliche Formate, Motive, Entstehungsperioden, Qualitätsstufen und Erhaltungszustände handeln. Ein Werk kann vollständig dokumentiert sein, während ein anderes lediglich dem Künstler zugeschrieben wird. Das eine kann aus der begehrtesten Schaffensperiode des Malers stammen, das andere aus einer schwächeren oder kommerziell weniger gefragten Phase.
Ein Galeriepreis entsteht zudem in einem anderen Marktumfeld als ein Auktionsergebnis. Genau deshalb ist es riskant, einen einzigen gefundenen Betrag als Referenzwert heranzuziehen.

Welche Möglichkeiten habe ich, wenn ich das Gemälde verkaufen möchte?
Sobald hinreichend geklärt ist, was Sie besitzen, stellt sich die kommerzielle Frage. Im Wesentlichen gibt es zwei naheliegende Wege: den Verkauf an oder über einen Kunsthändler oder den Verkauf über ein Auktionshaus.
Der erste Weg kann attraktiv sein, wenn Geschwindigkeit, Diskretion und eine gezielte Ansprache des Marktes wichtig sind. Ein Kunsthändler kann das Werk direkt ankaufen oder – abhängig von seiner Arbeitsweise – den Verkauf vermitteln. In manchen Fällen lassen sich auf diese Weise auch höhere Erlöse erzielen. Eine Auktion kann sinnvoll sein, wenn ein Gemälde gut zu einem bestehenden Sammlermarkt passt und ein Wettbewerb zwischen mehreren Bietern erwünscht ist.
Achten Sie dabei nicht ausschließlich auf den geschätzten Verkaufserlös. Berücksichtigen Sie ebenso die Verkäuferprovision beziehungsweise Einlieferungsgebühren, Transportkosten, Versicherung, den Mindestpreis und die Folgen für den Fall, dass das Werk nicht verkauft wird. Entscheidend ist letztlich nicht allein, welcher Betrag bei der Auktion zugeschlagen wird, sondern welcher Nettoerlös dem Verkäufer nach Abzug sämtlicher Kosten tatsächlich verbleibt.

Eine Begutachtung des Gemäldes
In Nachlässen tauchen regelmäßig alte Wertgutachten auf. Werfen Sie diese auf keinen Fall weg. Ein älteres Gutachten kann interessante Informationen über eine frühere Zuschreibung und eine damalige Bewertung enthalten. Der darin genannte Geldbetrag selbst kann jedoch für den heutigen Markt nur noch von begrenzter Aussagekraft sein.
Kann ein Gemälde allein anhand von Fotografien bewertet werden? Fotos eignen sich hervorragend für eine erste Einschätzung und Orientierung. Sie können ausreichen, um festzustellen, dass ein Gemälde wahrscheinlich außerhalb eines bestimmten Marktsegments liegt – oder im Gegenteil, dass eine weiterführende Untersuchung sinnvoll erscheint. Fotografien haben jedoch ihre Grenzen. Sie vermitteln nicht immer ein zuverlässiges Bild vom tatsächlichen Zustand der Malschicht, von alten Restaurierungen, feinem Craquelé oder späteren Ergänzungen.
Zuerst verstehen, was Sie besitzen. Danach entscheiden, was Sie damit tun
Ein geerbtes Gemälde kann sich letztlich als bedeutendes Kunstwerk erweisen, als gut verkäufliches Werk eines regionalen Künstlers, als dekoratives Bild mit begrenztem Handelswert oder vor allem als Gegenstand von großer persönlicher Bedeutung.
Wer hat es gemalt oder wer könnte es gemalt haben? Aus welcher Zeit stammt es? Wie wurde es hergestellt? Welche Provenienz lässt sich belegen? In welchem Zustand befindet es sich? Welche Restaurierungen könnten vorgenommen worden sein? Und mit welchen tatsächlich verkauften Werken lässt es sich sinnvoll vergleichen?
Erst wenn diese Fragen in der richtigen Reihenfolge gestellt werden, wird ein fundiertes Gespräch über den Wert des Gemäldes möglich.
Interessieren Sie sich besonders für diesen Künstler oder dieses Thema?
Verfolgen Sie den Markt für diesen Künstler, oder sind Sie auf ein Werk gestoßen, über das Sie gerne mehr erfahren möchten? Wir beschäftigen uns regelmäßig mit Werken, die auf dem Markt erscheinen, und tauschen uns gerne über Qualität, Provenienz, kunsthistorischen Kontext und frühere Auktionsergebnisse aus. Sie erreichen uns direkt über info@antonello.art.