In Auktionskatalogen Alter Meister begegnet immer wieder eine Formulierung wie: „We are grateful to X for confirming the attribution on the basis of a photograph.“ Eine solche Bemerkung macht das Urteil des Spezialisten keineswegs bedeutungslos, setzt ihm jedoch Grenzen. Was genau hat der Experte beurteilt – und welche Beweismittel blieben außerhalb seiner Betrachtung?
Bei Alten Meistern kann eine einzige Zeile in einem Auktionskatalog erstaunlich viel Gewicht haben. Ein anerkannter Spezialist hat die Zuschreibung bestätigt, on the basis of a photograph. Für einen potenziellen Käufer mag der erste Teil beruhigend klingen. Der zweite kann dagegen Zweifel wecken. Hat der Fachmann das Gemälde also nie im Original gesehen? Häufig lautet die Antwort tatsächlich: nein.
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine solche Expertise wenig wert ist. Die Fotografie gehört seit Generationen zum Instrumentarium des Connaisseurs. Ein Spezialist, der Hunderte Werke eines Malers und seines Umfelds kennt, kann auf guten Aufnahmen vieles erkennen: Kompositionstypen, charakteristische Figuren, Pinselduktus, Farbverhältnisse, wiederkehrende Motive und Bezüge zu dokumentierten Werken.
Doch eine Fotografie bleibt eine Reproduktion. Sie zeigt, wie ein Gemälde unter bestimmten Aufnahmebedingungen ausgesehen hat. Sie verschafft nicht automatisch Zugang zum Gemälde als physischem Objekt. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied.

Fotografie und Connoisseurship sind keine Gegensätze
Fotografische Reproduktionen haben bei der Entwicklung des kunsthistorischen Connoisseurship eine wichtige Rolle gespielt. Bernard Berenson, einer der einflussreichsten Kenner der italienischen Renaissancemalerei, arbeitete intensiv mit Fotografien. Sein Fotoarchiv in der Villa I Tatti umfasst heute rund 300.000 Abzüge und weitere fotografische Dokumente. Die Sammlung dokumentiert zugleich Berensons Arbeitsweise als Connaisseur sowie Veränderungen in Provenienz und Restaurierungsgeschichte einzelner Objekte.[1]
Das Prinzip ist einfach. Wer Werke miteinander vergleichen möchte, die sich in Florenz, London, Madrid und in Privatsammlungen befinden, ist auf Reproduktionen angewiesen. Fotografien ermöglichen systematische Vergleiche in einem Umfang, der allein durch die Betrachtung von Originalen kaum zu erreichen wäre.
Gerade die Geschichte des Connoisseurship zeigt jedoch auch das Problem. Eine Fotografie erleichtert den Vergleich, nimmt zugleich aber Informationen weg. Format, Oberfläche, Transparenz, Relief, Glanz, Farbauftrag und selbst die Farbwirkung können im Original anders wahrgenommen werden. Ein sehr erfahrener Spezialist kann sich daher anhand von Fotografien durchaus ein fundiertes stilistisches Urteil bilden. Das macht die Fotografien jedoch noch nicht zu einem Ersatz für die Untersuchung des Originals.

Was bedeutet eine Formulierung wie „confirmed on the basis of a photograph“ eigentlich?
Ein Experte, der ausschließlich Fotografien gesehen hat, kann beispielsweise zu der Überzeugung gelangt sein, dass Komposition, Figurentypen und Malweise mit dem Œuvre eines Künstlers übereinstimmen. Damit hat er jedoch nicht zwangsläufig selbst festgestellt, wie die Malschicht unter Vergrößerung aussieht, ob die Konstruktion der Holztafel schlüssig ist, welche Restaurierungen vorhanden sind oder was eine Infrarot- oder Röntgenuntersuchung ergeben würde. Bei Alten Meistern ist diese Unterscheidung wesentlich.
Ein Gemälde besteht aus mehr als seinem sichtbaren Bild
Nehmen wir eine Tafel des 17. Jahrhunderts, die auf einer professionellen Aufnahme überzeugend an Rembrandt, Jacob van Ruisdael oder Jan Brueghel erinnert. Was kann die Fotografie zeigen? Vielleicht ist der Pinselduktus gut erkennbar. Vielleicht lassen sich Craquelé, Impasto und Abrieb zumindest teilweise beurteilen. Detailaufnahmen können Signatur, Hände, Gesichter und einzelne Partien der Malschicht zugänglich machen.
Andere Informationen erfordern jedoch die Untersuchung des Objekts selbst. Ein Restaurator kann die Oberfläche unter Vergrößerung betrachten, den Aufbau der Malschicht verfolgen und versuchen, zwischen originaler Farbe, Firnis, Retuschen und Übermalungen zu unterscheiden. Streiflicht kann Höhenunterschiede und Verformungen deutlicher hervortreten lassen. UV-Untersuchungen können bestimmte Restaurierungen sichtbar machen. Infrarotuntersuchungen können Unterzeichnungen oder Veränderungen der Komposition zeigen.[2]
Das bedeutet nicht, dass jedes Gemälde all diese Untersuchungsmethoden benötigt. Wohl aber bedeutet es, dass eine gewöhnliche Fotografie lediglich eine von mehreren Informationskategorien innerhalb eines weit größeren Untersuchungsspektrums liefert.

Stilistische Überzeugungskraft ist nicht dasselbe wie materialtechnischer Nachweis
Diese Unterscheidung wird besonders wichtig, sobald die Frage der Authentizität ins Spiel kommt. Eine Holztafel kann stilistisch überzeugend wirken und dennoch Fragen aufwerfen, sobald sie physisch untersucht wird. Umgekehrt kann ein Gemälde auf einer mittelmäßigen Fotografie wenig überzeugend erscheinen, während die Betrachtung des Originals Qualitäten offenbart, die in der Reproduktion verloren gegangen sind.
Technische Untersuchungen können zudem ganz unterschiedliche Fragen beantworten. Eine Untersuchung des Holzes kann helfen festzustellen, ob ein Bildträger chronologisch mit einer vorgeschlagenen Datierung vereinbar ist. Pigment- oder Bindemittelanalysen können Materialien nachweisen, die zu einer bestimmten historischen Periode passen oder gerade nicht. Unterzeichnungen können Übereinstimmungen mit dokumentierten Werkstattpraktiken erkennen lassen.
Eine alte Holztafel macht die darauf befindliche Malerei nicht automatisch alt. Ein Pigment, das um 1650 verfügbar war, beweist nicht, dass Rembrandt es aufgetragen hat. Auch eine alte Signatur ist kein eigenständiger Authentizitätsnachweis. Bei einer fundierten Zuschreibungsuntersuchung werden kunsthistorische Dokumentation, Connoisseurship und technische Befunde daher gemeinsam betrachtet.

Manchmal ändert ein Experte seine Meinung, sobald er das Gemälde im Original sieht
Nachdem ein Experte ein Gemälde tatsächlich gesehen hat, wird ein früheres Urteil mitunter revidiert. Interessant daran ist nicht, dass die erste Expertise „falsch“ gewesen wäre. Vielmehr zeigt sich, dass sich die Informationsgrundlage verändert hat.
Bei einem Gemälde, das Sotheby’s 2008 als Attributed to Frans Hals anbot, spielte genau dieser Unterschied eine Rolle. Laut Katalog hatte der Hals-Spezialist Seymour Slive das Werk ausschließlich von einer Fotografie gekannt und vorsichtig an eine Kopie nach einem anderen Porträt gedacht. Die Untersuchung der tatsächlichen Holztafel führte zu der Einschätzung, dass es sich um ein eigenständiges Gemälde handelte.[3]
Solche Beispiele sind wichtig, weil es sich nicht um unerfahrene Beobachter handelt. Gerade bedeutende Kenner können ihre Meinung revidieren, wenn neue Informationen hinzukommen. Das ist keine Schwäche des Connoisseurship. Wer Auktionskataloge regelmäßig verfolgt, wird feststellen, dass Beurteilungen anhand von Fotografien keineswegs ungewöhnlich sind.
Dennoch werden Fotozuschreibungen im Markt für Alte Meister laufend verwendet
Die dabei verwendeten Formulierungen verdienen Aufmerksamkeit. Confirming und suggesting drücken im gewöhnlichen Sprachgebrauch nicht denselben Grad der Zustimmung aus. Sammler sollten jedoch nicht davon ausgehen, dass sämtliche Experten, Auktionshäuser und Märkte einzelner Künstler mit einer einheitlichen, international standardisierten Sicherheitsskala arbeiten. Idealerweise lassen sich unterschiedliche Untersuchungsebenen klar voneinander unterscheiden: fotografisches Connoisseurship, physische Untersuchung und technische Bildgebung.

Die Beurteilung des Zustands anhand von Fotografien ist noch einmal etwas anderes
Die Zuschreibung an einen Künstler und die Beurteilung des Erhaltungszustands werden mitunter im selben Gespräch behandelt, methodisch handelt es sich jedoch um unterschiedliche Fragen. Eine Fotografie kann zahlreiche Zustandsphänomene zeigen. Farbverluste können erkennbar sein, Risse lassen sich feststellen, ein Netz von Craquelé kann beschrieben oder eine ungleichmäßig glänzende Oberfläche beobachtet werden. Daraus ergibt sich jedoch noch kein vollständiger Zustandsbericht.
Für einen Sammler ist dieser Unterschied praktisch relevant. Wenn ein Spezialist anhand einer Fotografie sagt, ein Gemälde „sehe gut aus“, kann das ein nützlicher erster Eindruck sein. Es bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass überprüft wurde, ob die Malschicht stabil ist, wie umfangreich Retuschen vorhanden sind, ob eine alte Doublierung oder Parkettierung konstruktive Folgen hat oder in welchem Maß der Firnis vergilbt ist.
Nicht jede Fotoexpertise ist gleich
Auch die Formulierung „auf Grundlage von Fotografien“ ist für sich genommen unvollständig. Hat der Experte professionelle Aufnahmen der gesamten Vorder- und Rückseite gesehen? Waren die Farben kalibriert? Gab es Reflexionen auf dem Firnis? Wurde das Gemälde unter Glas fotografiert? Wurden Details sowohl bei Tageslicht als auch unter kontrolliertem Kunstlicht aufgenommen? Hat der Experte zusätzlich einen technischen Bericht, Provenienzdokumentation und historische Fotografien erhalten?
Kann ein Experte anhand einer Fotografie etwas ausschließen?
Mitunter kann ein fotografisches Urteil erstaunlich aussagekräftig sein. Wenn ein Kenner auf einer Aufnahme unmittelbar Merkmale erkennt, die grundsätzlich nicht mit einem bestimmten Künstler vereinbar sind, kann das ausreichen, um von weiteren Untersuchungen abzusehen.
Wenn etwas auf einer Fotografie eindeutig nicht überzeugt, kann dies mitunter ein ausreichender Grund sein, eine Zuschreibung abzulehnen oder weitere Untersuchungen für wenig sinnvoll zu halten. Umgekehrt ist die Situation schwieriger: Dass etwas auf Fotografien sehr überzeugend erscheint, beweist noch nicht, dass auch sämtliche materiellen und kunsthistorischen Befunde übereinstimmen.
Eine Reproduktion kann nicht von selbst ausschließen, dass sich unter einer überzeugenden Oberfläche moderne Materialien befinden. Deshalb ist „es sieht richtig aus“ bei Authentizitätsfragen niemals dasselbe wie „die Authentizität ist nachgewiesen“.

Welche Bedeutung hat eine Fotoexpertise für den Marktwert?
In der Praxis kann das Urteil eines maßgeblichen Œuvre-Spezialisten sehr bedeutend sein, selbst wenn es ausschließlich anhand von Fotografien abgegeben wurde.
Bei bestimmten Künstlern gibt es nur eine kleine Zahl von Fachleuten, deren Meinung bei Katalogisierung, Verkäuflichkeit und Akzeptanz im Markt erhebliches Gewicht besitzt. Die ausdrückliche Unterstützung durch einen anerkannten Spezialisten kann deshalb kommerziell relevant sein. Die Formulierung on the basis of a photograph sollte in einem solchen Fall jedoch Bestandteil dieser Information bleiben.
Für einen ernsthaften Käufer stellen sich anschließend mindestens vier Fragen: Wie genau war das Urteil formuliert? Welche Dokumentation hat der Experte gesehen? Wurde das Gemälde später im Original untersucht? Und gibt es technische Befunde, die das Urteil stützen oder komplizieren?
Eine Fotografie kann eine fundierte erste Expertise ermöglichen, aber die Untersuchung des Originals nicht ersetzen
Die Beurteilung von Gemälden anhand von Fotografien hat zudem eine lange Tradition im Connoisseurship und ist im internationalen Markt für Alte Meister bis heute gängige Praxis. Eine Fotoexpertise kann erhebliches kunsthistorisches Gewicht besitzen, insbesondere wenn sie von jemandem stammt, der über außergewöhnliche Kenntnisse eines bestimmten Œuvres verfügt. Sie kann eine Zuschreibung stützen, eine neue Forschungsrichtung eröffnen oder deutlich machen, dass eine vermeintliche Entdeckung wenig erfolgversprechend ist.
Der Experte hat eine Repräsentation des Gemäldes beurteilt, nicht notwendigerweise das vollständige physische Objekt. Bei Alten Meistern ist diese Einschränkung wesentlich, weil gerade das Zusammenspiel von stilistischer Beobachtung, Objektuntersuchung, Provenienz und technischen Befunden eine Zuschreibung stärken oder schwächen kann. Eine Fotografie kann daher durchaus für ein begründetes Urteil ausreichen.
Je näher dieses Urteil jedoch an eine definitive Aussage über Autorschaft, Authentizität oder Erhaltungszustand heranrückt, desto wichtiger wird die Frage, welche Informationen der Experte nicht sehen konnte.
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Anmerkungen und Quellen
[1] Villa I Tatti, The Harvard University Center for Italian Renaissance Studies, „Photograph Archives“ und „Bernard and Mary Berenson“.
[2] Canadian Conservation Institute, „Condition Reporting – Paintings. Part II: Examination Techniques and a Checklist“, CCI Notes 10/7.
[3] Sotheby’s, Important Old Master Paintings including European Works of Art, 2008, Lot 316, Attributed to Frans Hals. Im Katalog wird vermerkt, dass Seymour Slive das Werk anhand von Fotografien vorsichtig als Kopie einschätzte, während die spätere Untersuchung der Holztafel zu einer anderen Interpretation führte.