Gemälde von Jacob Grimmer kommen nicht ständig auf den Markt, doch wenn überzeugende Werke angeboten werden, können die Preisunterschiede erheblich sein. Im April 2026 erzielten zwei nur 31,5 × 42,5 cm große Tafeln bei Dorotheum €109.200 beziehungsweise €78.000, bei Schätzpreisen von jeweils €15.000–20.000.[1]
Wer bei Grimmer lediglich auf das Format oder den Namen des Künstlers schaut, erhält daher schnell ein falsches Bild vom Markt. Zuschreibung, malerische Qualität, Sujet, Erhaltungszustand, Provenienz und Dokumentation können erhebliches Gewicht haben. Hinzu kommt eine spezifische kunsthistorische Frage, die den Markt durchzieht: Handelt es sich tatsächlich um eine eigenhändige Landschaft von Jacob Grimmer, um ein Werk seines Sohnes Abel, um die Zusammenarbeit mehrerer Maler oder lediglich um ein Gemälde aus seinem künstlerischen Umfeld?
Das macht Grimmer für Sammler interessant, erschwert aber zugleich den Vergleich. Ein hoher Auktionserlös für ein Gemälde sagt überraschend wenig über ein anderes Werk aus, das denselben Künstlernamen trägt.

Zwei kleine Tafeln zeigen, wie selektiv der Markt ist
Am 28. April 2026 kamen bei Dorotheum in Wien zwei eng miteinander verwandte Gemälde unter den Hammer: The Flight into Egypt, a fortress beyond und Landscape with Noli me tangere. Beide waren auf Holztafel gemalt, maßen 31,5 × 42,5 cm und waren jeweils auf €15.000–20.000 geschätzt.
Die endgültigen Ergebnisse lagen weit darüber: €109.200 für The Flight into Egypt und €78.000 für Noli me tangere.[1] Das sind bemerkenswerte Resultate, doch zwei starke Verkäufe beweisen noch nicht, dass der gesamte Markt für Grimmer steigt. Sie zeigen vielmehr, wie deutlich Käufer innerhalb seines Œuvres differenzieren.
Wie wichtig diese Nuance ist, zeigt der Vergleich mit The Massacre of the Innocents, das ebenfalls im April 2026 bei Dorotheum angeboten wurde. Die Tafel misst 73 × 105,5 cm, verfügt über eine ausführliche Provenienz und ist sowohl in Edith Greindls Monografie als auch im Catalogue raisonné von Reine de Bertier de Sauvigny verzeichnet. Die Landschaft wurde Jacob Grimmer zugeschrieben, die Figuren Gillis Mostaert. Dennoch blieb das Ergebnis von €52.000 deutlich unter dem der wesentlich kleineren Flight into Egypt.[1]
Größer bedeutet bei Jacob Grimmer also nicht automatisch wertvoller. Das heißt nicht, dass das Format ohne Bedeutung ist. Es bedeutet vielmehr, dass die Größe erst dann sinnvoll beurteilt werden kann, wenn die Gemälde auch hinsichtlich Qualität, Ausführung, Zuschreibungsstatus, Sujet, Provenienz und Erhaltungszustand tatsächlich vergleichbar sind.

Jacob Grimmer machte die Landschaft selbst zum Thema
Jacob Grimmer wurde um 1525/26 in Antwerpen geboren und starb dort 1590. Im Jahr 1547 wurde er Meister in der Antwerpener Lukasgilde.[4]
Er arbeitete an einem entscheidenden Wendepunkt der flämischen Landschaftsmalerei. Bei früheren Generationen war die Landschaft häufig als imaginäres Weltpanorama angelegt: zerklüftete Berge, ferne Horizonte und hoch gelegene Aussichtspunkte wurden zu einer Umgebung zusammengefügt, die nicht notwendigerweise einem realen Ort entsprach.
Auch Grimmer verwendet weiterhin erhöhte Blickpunkte und sorgfältig konstruierte räumliche Tiefen. Seine Landschaften rücken jedoch merklich näher an die bewohnte Welt heran. Dörfer, Felder, Landwege, Wasserläufe, Bauernhöfe und Burgen gewinnen zunehmend eine eigenständige Bedeutung. Die alltägliche flämische Landschaft dient nicht länger ausschließlich als Hintergrund für ein religiöses Geschehen; sie wird selbst zu einem Gegenstand, der um seiner selbst willen betrachtet werden kann.
Darin liegt auch ein wichtiger Unterschied zu der vereinfachenden Einordnung Grimmers als bloßer Nachfolger Pieter Bruegels des Älteren. Der Einfluss von Bruegels Generation ist unverkennbar, doch Grimmer entwickelte eine eigene, wiedererkennbare Art, Raum, Atmosphäre und das alltägliche Landleben zu organisieren.[4]

Die Jahreszeiten zeigen Grimmer von seiner charakteristischsten Seite
Zu den wiederkehrenden Themen seines Œuvres gehört die Darstellung der Vier Jahreszeiten und der Zwölf Monate. Das Sujet bot Grimmer einen idealen Rahmen, um Landschaft, Zeit, Wetter und menschliche Tätigkeit innerhalb einer einzigen Komposition miteinander zu verbinden.
Eine Landschaft wurde zum Sommer, indem Bauern mähten, Getreide aufschichteten und die Ernte zum Hof transportierten. Der Winter ließ sich durch kahle Bäume, Schnee, Holzarbeiten und Schlittschuhläufer sichtbar machen. Die Figuren sind klein, doch ihre Tätigkeiten verraten dem Betrachter, zu welcher Jahreszeit die Szene spielt.
Ein besonders überzeugendes Beispiel ist Summer, das Christie’s 2013 anbot. Die Tafel misst 44,2 × 61,6 cm. Eine dunkle Baumallee gliedert die Komposition, während Bauern, Tiere, Wagen und Erntearbeiten zu beiden Seiten den Sommer unmittelbar erfahrbar machen.[2] Das Gemälde ist noch aus einem zweiten Grund interessant. 1972 und erneut 1974 wurde es bei Christie’s als Werk von Abel Grimmer angeboten. Erst später wurde es im Catalogue raisonné von Bertier de Sauvigny Jacob Grimmer zugeordnet.[2]
Hier treffen Kunstgeschichte und Kunstmarkt unmittelbar aufeinander.

Jacob oder Abel? Die Zuschreibung ist hier kein theoretisches Detail
Jacobs Sohn Abel Grimmer wurde ebenfalls Landschaftsmaler. Er arbeitete mit ähnlichen Themen und entwickelte Kompositionen weiter, die denen seines Vaters eng verwandt sind. Gemälde von Vater und Sohn können daher miteinander verwechselt werden.[4] Auch das umgekehrte Problem tritt auf: Werke, die stilistisch oder kompositorisch mit Grimmer verwandt sind, müssen nicht zwangsläufig von seiner eigenen Hand stammen.
Diese Unterscheidung ist für den Markt entscheidend. Jacob Grimmer, attributed to Jacob Grimmer und circle of Jacob Grimmer sind keine gleichwertigen Kategorien. Ein Gemälde kann hinsichtlich seines Sujets nahezu perfekt in sein Œuvre passen und dennoch einem anderen Marktsegment angehören, wenn die eigenhändige Autorschaft nicht überzeugend anerkannt wird.
Gerade deshalb ist es riskant, ein vermeintliches Werk Grimmers ausschließlich anhand visueller Ähnlichkeiten zu beurteilen.

Religiöse Erzählungen verschwinden mitunter fast in der Landschaft
Grimmers Figuren sind klein, aber keineswegs bedeutungslos. Bauern arbeiten, Reisende ziehen durch die Landschaft, Tiere werden versorgt und Menschen versammeln sich an Dörfern und Wegen. In religiösen Darstellungen kann das eigentliche biblische Geschehen sogar überraschend schwer zu entdecken sein.
Besonders anschaulich zeigt dies eine monumentale Landschaft, die Sotheby’s 2025 als Gemeinschaftswerk von Jacob Grimmer und Gillis Mostaert anbot. Die Leinwand misst nicht weniger als 190,8 × 231,5 cm. Grimmer wird die Landschaft zugeschrieben, Mostaert die Figuren.[5]
Im Vordergrund geschieht eine ganze Menge: Reisende ruhen sich aus, Hirten führen ihre Herde und ein Mann klettert auf einen gewaltigen Baum. Der Titel verrät jedoch, dass sich irgendwo inmitten dieses alltäglichen Geschehens die Flucht nach Ägypten abspielt. Maria, Josef und das Christuskind werden nicht monumental hervorgehoben; sie verschwinden beinahe in der Welt um sie herum.
Gerade dieses Verhältnis zwischen Erzählung und Landschaft macht Grimmer so interessant. Das religiöse Sujet liefert den Anlass, doch die eigentliche visuelle Erfahrung wird von der Landschaft getragen. Dies erklärt zugleich, warum ein attraktives biblisches Thema allein noch wenig über den Marktwert eines Gemäldes aussagt.

Der Erhaltungszustand kann zwei scheinbar vergleichbare Werke unvergleichbar machen
Bei einem Gemälde des 16. Jahrhunderts ist die materielle Geschichte nahezu nie neutral. Holztafeln können aus mehreren Brettern zusammengesetzt sein. Das Holz kann sich verzogen haben oder zu einem späteren Zeitpunkt parkettiert worden sein. Alte Retuschen können sich verfärben. Firnisse können vergilben, während Abrieb gerade die feinsten Elemente der Landschaft und der Figuren beeinträchtigen kann. Bei Grimmer ist dies besonders relevant, da ein erheblicher Teil der Qualität in den kleinen Details liegt.

Zusammenarbeit gehörte zur Antwerpener Malereipraxis
Damit kommen wir zurück zu der Frage, wie Gemälde im Antwerpen des 16. Jahrhunderts tatsächlich entstanden. Spezialisierung war üblich. Ein Künstler, der sich besonders auf Landschaften verstand, musste nicht zwangsläufig auch sämtliche menschlichen Figuren selbst malen. Grimmer arbeitete unter anderem mit Marten van Cleve und Gillis Mostaert zusammen.[4]
Ein Gemeinschaftswerk ist kunsthistorisch daher nicht zwangsläufig einem vollständig von einer einzigen Hand ausgeführten Gemälde untergeordnet. Im Gegenteil: Wenn sich eine Zusammenarbeit überzeugend dokumentieren lässt, kann sie selbst Teil der kunsthistorischen Bedeutung eines Werkes sein.
Die richtige Frage lautet deshalb nicht immer „Hat Jacob alles selbst gemalt?“, sondern vielmehr: „Welche Teile wurden von welchem Meister ausgeführt, und ist diese Arbeitsteilung historisch überzeugend?“
Provenienz und Literatur machen ein Gemälde besser erforschbar
Neben der Betrachtung der Malschicht gibt es noch ein zweites Dossier: die Geschichte des Objekts.
Provenienz wird manchmal kaum mehr als eine Auflistung früherer Sammler behandelt. Bei Grimmer ist ihre Funktion wesentlich wichtiger. Eine gute Provenienz kann zeigen, wann ein Gemälde erstmals unter seinem Namen auftauchte, ob ein früherer Eigentümer es Abel zuschrieb, welcher Händler es betreute und ob es bereits zuvor publiziert oder ausgestellt wurde.
Damit wird Provenienz nicht automatisch zum Beweis für Authentizität. Eine dokumentierte Geschichte macht ein Gemälde jedoch besser überprüfbar und besser vergleichbar.
Ein kleines Format muss nicht zwangsläufig eine niedrige Bewertung bedeuten. Die Aufnahme in einen Catalogue raisonné ist wichtig, steht aber nicht für sich allein. Eine Expertise kann relevant sein, muss jedoch zusammen mit der Qualität des Gemäldes betrachtet werden. Und ein Schätz- oder Katalogpreis darf niemals als tatsächlich erzielter Marktpreis dargestellt werden.
Was bestimmt letztlich den Wert eines Jacob Grimmer?
Die verfügbaren Auktionsergebnisse lassen keine einfache Formel zu. Dennoch sind einige Faktoren eindeutig von Bedeutung. An erster Stelle steht die Sicherheit der Zuschreibung. Ein überzeugend eigenhändiger Grimmer bewegt sich in einem anderen Markt als ein Werk mit der Bezeichnung attributed to, circle of oder ein Gemälde, das wahrscheinlich eher Abel zuzuordnen ist.
Danach folgt die malerische Qualität. Starke Werke Grimmers besitzen eine überzeugende räumliche Struktur: Wege, Bäume, Gebäude und Wasser führen den Blick durch die Komposition, während kleine Figuren der Landschaft Bedeutung und Maßstab verleihen.
Auch das Sujet spielt eine Rolle. Jahreszeiten, Ernteszenen, Dorfansichten, Burgen und religiöse Ereignisse, die selbstverständlich in die Landschaft eingebettet sind, gehören eindeutig zum Kern seines Œuvres. Das Thema allein erzeugt jedoch noch keinen hohen Wert: Eine mittelmäßige Jahreszeitenlandschaft wird nicht automatisch bedeutend, nur weil auf dem Auktionsetikett „Winter“ oder „Summer“ steht.
Provenienz und Literatur stärken vor allem das Vertrauen und die Nachprüfbarkeit. Eine gut dokumentierte Geschichte kann zeigen, wie lange ein Werk bekannt ist und wie sich seine Zuschreibung im Laufe der Zeit entwickelt hat.
Schließlich ist auch der Erhaltungszustand unverzichtbar. Die feinen Details, von denen Grimmers Landschaften zu einem wesentlichen Teil leben, können durch Abrieb, Reinigung oder Restaurierung erheblich beeinträchtigt werden.
Das höchste Ergebnis ist selten der beste Vergleich
Sind Sujet und Format vergleichbar? Wie sicher ist die Zuschreibung? Befinden sich beide Werke in einem vergleichbaren Erhaltungszustand? Verfügen sie über eine vergleichbare Provenienz? Ist eines signiert oder datiert? Ist es in der Standardliteratur verzeichnet? Sind die Figuren eigenhändig, historisch von einem spezialisierten Mitarbeiter ausgeführt oder möglicherweise erst später hinzugefügt worden?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, erhalten Auktionsergebnisse tatsächlich Aussagekraft. Der Markt für Jacob Grimmer belohnt letztlich nicht einfach einen Namen oder ein Format, sondern überzeugende Qualität, Autorschaft und Dokumentation innerhalb eines komplexen Œuvres.
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Fußnoten
1. Dorotheum, Wien, Old Master Paintings, 28. April 2026, Lot 32, Jacob Grimmer, The Flight into Egypt, a fortress beyond, Öl auf Holztafel, 31,5 × 42,5 cm, Schätzpreis €15.000–20.000, realisierter Kaufpreis €109.200; Lot 33, Landscape with Noli me tangere, gleiche Maße und gleicher Schätzpreis, realisierter Preis €78.000; sowie Lot 59, Jacob Grimmer und zugeschrieben an Gillis Mostaert, The Massacre of the Innocents, Öl auf Holztafel, 73 × 105,5 cm, Schätzpreis €35.000–45.000, realisierter Preis €52.000.
2. Christie’s, New York, Old Master Paintings Part I, 30. Januar 2013, Jacob Grimmer, Summer, Öl auf Holztafel, 44,2 × 61,6 cm. Die Provenienz verzeichnet frühere Verkäufe in den Jahren 1972 und 1974 als Abel Grimmer; das Gemälde wurde später bei Bertier de Sauvigny unter Jacob aufgenommen.
3. Christie’s, Amsterdam, Circle of Jacob Grimmer, An Allegory of Spring: a rocky coastal landscape with farmers working, Öl auf Holztafel, 36,6 × 50,8 cm.
4. Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Künstlerbiografie Jacob Grimmer; sowie Städel Museum, Digitale Sammlung, Biografie Jacob Grimmer.
5. Sotheby’s, London, 3. Juli 2025, Lot 617, Jacob Grimmer und Gillis Mostaert, Extensive wooded landscape with travellers, shepherds tending their flock and the Flight into Egypt, a valley beyond, Öl auf Leinwand, 190,8 × 231,5 cm; Schätzpreis £80.000–120.000.
6. Sotheby’s, Amsterdam, 29. Oktober 2007, Lot 5, Jacob Grimmer, Landscape with farmers harvesting, Öl auf Holztafel, 31 × 45,2 cm.
7. Sotheby’s, London, 2014, Lot 106, Entrance to a village with peasants carousing, signiert und datiert.
8. Christie’s, London, 2006, Jacob Grimmer, Summer und Winter, zwei Holztafeln von jeweils etwa 40 × 60,6 cm. Der Katalog verzeichnet ein Echtheitszertifikat von Reine de Bertier de Sauvigny und weist zugleich darauf hin, dass einige Figuren möglicherweise von späterer Hand hinzugefügt wurden.
9. Hampel Fine Art Auctions, München, 30. März 2023, Lot 120, Jacob Grimmer, Landschaft der Umgebung von Antwerpen mit Figuren, Öl auf Holztafel, 23 × 26 cm. Der Katalog nennt die Sammlung Brian Koetser, Greindl, Bertier de Sauvigny sowie eine Expertise; Katalogpreis €75.000–90.000.