Am 15. September 2026 versteigert Artcurial in Paris ein kleines Porträt von Emmanuel Philibert, Herzog von Savoyen, mit einer Schätzung von €2.000–3.000 ($2.300–3.500). Die Katalogisierung, Niederlande, um 1600, ist zurückhaltend. Doch die Darstellung, die Inschrift und einige bemerkenswerte historische Anhaltspunkte erklären, warum gerade dieses beschädigte Tafelbild Neugier weckt.
Das Erste, was an diesem Porträt auffällt, ist vielleicht gerade das, was gegen es spricht. Die Tafel ist sichtbar beschädigt. Ein vertikaler Riss verläuft durch Stirn, Nase und Bart. Links befindet sich ein weiterer markanter senkrechter Bruch, zudem sind horizontale Beschädigungen zu erkennen. Es handelt sich nicht um ein unberührtes Gemälde, bei dem lediglich der Name des Künstlers verloren gegangen ist.
Und doch besitzt das Gesicht weiterhin eine bemerkenswerte Präsenz. Der Maler widmete den Übergängen von Licht und Schatten um die Augen, dem leicht rosigen Inkarnat sowie den unterschiedlichen Farbtönen von Bart und Schnurrbart erkennbare Aufmerksamkeit. Der Blick ist eindringlich, ohne übertrieben theatralisch zu wirken. Darunter folgen ein weißer Kragen, eine schwarz-gold verzierte Rüstung und eine diagonal über die Brust geführte rote Schärpe. Gerade diese Verbindung von malerischer Qualität und historischer Spezifität macht das Los interessanter, als die Schätzung von €2.000–3.000 ($2.300–3.500) zunächst vermuten lässt.

1558 ist hier keine belanglose Jahreszahl
Artcurial geht im Katalog nicht über die Bezeichnung „Niederlande, um 1600“ hinaus und nennt weder einen Künstler noch eine Werkstatt oder einen Umkreis. Die Tafel misst 41 × 31 Zentimeter und stammt laut Katalog aus einer Privatsammlung. Bei anderen Losen derselben Auktion verwendet Artcurial Qualifikationen wie attributed to, circle of und follower of. Hier fehlen solche Einschränkungen beziehungsweise Zuschreibungen vollständig.[1]
Über dem Kopf des Dargestellten befindet sich eine teilweise beschädigte goldene Inschrift. Rechts ist PHILIBERTVS noch deutlich lesbar, während links Fragmente sichtbar sind, die mit seinem Titel als Herzog von Savoyen übereinstimmen könnten. Noch auffälliger ist die Jahreszahl 1558 oben rechts.
Artcurial beschreibt das Werk nicht als „dated 1558“, sondern hält fest, dass die Tafel Inschriften und diese Jahreszahl trägt, während das Gemälde selbst auf etwa 1600 datiert wird. Eine spätere Kopie könnte schließlich die Inschrift eines älteren Prototyps übernommen haben. Ebenso ist denkbar, dass die Inschrift erst später hinzugefügt oder verändert wurde.
Ein Herzog in den Niederlanden und die Kunst des Hofes
In den Jahren um 1558 befand sich Emmanuel Philibert im Zentrum jener habsburgischen Machtwelt, in der die internationale höfische Porträtkunst Anthonis Mors ihre Blütezeit erlebte. Von 1555 bis 1559 amtierte der Herzog unter Philipp II. als Statthalter der Niederlande. In der Royal Collection befindet sich ein Emmanuel Philibert, Duke of Savoy von Anthonis Mor, datiert um 1555–60. Die wesentlich größere Tafel mit den Maßen 110,4 × 94 Zentimeter zeigt ihn in aufwendig gestalteter Rüstung, mit dem Orden vom Goldenen Vlies und einer roten Kommandoschärpe.[2]

Die Artcurial-Tafel ist keine einfache verkleinerte Kopie dieser Komposition. Dafür unterscheiden sich Ausschnitt und Präsentation zu deutlich. Dennoch gehören beide Darstellungen derselben ikonografischen Welt an: der junge Heerführer, der dunkle Hintergrund, die zeremonielle Rüstung und die rote Schärpe, verbunden mit einem eindringlich erfassten Gesicht.
Nach Emmanuel Philiberts Rückkehr in seine eigenen Territorien veränderte sich auch das künstlerische Umfeld des Hofes. Sein Bildnis zirkulierte innerhalb der savoyischen Hofkultur auch nach seinem Tod weiter. Der Tod eines Herrschers bedeutete keineswegs das Ende seiner gemalten Präsenz. Prototypen wurden bewahrt, kopiert und angepasst. Ein um 1600 entstandenes Porträt konnte daher ohne Weiteres einen Herzog zeigen, der bereits 1580 verstorben war, und dabei auf ein Bildnis aus den 1550er- oder 1560er-Jahren zurückgreifen.
Sind €2.000–3.000 tatsächlich niedrig?
Das ist letztlich die Marktfrage, um die sich ein großer Teil des Interesses an diesem Los vermutlich dreht. Für ein für das 16. Jahrhundert charakteristisches Fürstenporträt mit dieser Präsenz wirken €2.000–3.000 ($2.300–3.500) niedrig. Doch der Markt bewertet nicht nur das, was auf der Vorderseite eines Gemäldes zu sehen ist. Ebenso wichtig sind Künstlername, Erhaltungszustand, Provenienz und wissenschaftliche Dokumentation.
Das Werk ist anonym, und das Auktionshaus datiert es ungefähr eine Generation später als die prominent angebrachte Jahreszahl. Die öffentlich bekannte Provenienz reicht nicht weiter zurück als bis zu einer Privatsammlung, und die sichtbaren Schäden an der Holztafel sind erheblich. Insbesondere der Riss, der durch das Gesicht verläuft, ist keineswegs nebensächlich.
2015 verkaufte das Dorotheum ein wesentlich größeres Portrait of Carlo Emanuele I, Duke of Savoy von Jan Kraeck. Die Schätzung lag bei €15.000–20.000 ($17.500–23.000), der Verkaufspreis bei €18.750 ($22.000).[3] 2018 bot Sotheby’s ein monumentales Ganzfigurenporträt, Portrait of Emmanuel Philibert, Duke of Savoy, zugeschrieben an Giacomo Vighi, mit einer Schätzung von umgerechnet etwa €17.000–26.000 ($20.000–30.000) an.[4]

Was sehen die Bieter in diesem Bild?
Vielleicht keinen verborgenen Anthonis Mor. Wohl aber ein Gemälde, dessen unmittelbare visuelle Wirkung wesentlich leichter zu erfassen ist als die kunsthistorischen Fragen, die es aufwirft. Die Identifizierung des Herzogs Emmanuel Philibert beruht nicht allein auf einem modernen Katalogtitel: Die alte goldene Inschrift bewahrt sichtbar Teile seines Namens und Titels.
Für uns liegt der Reiz von Los 144 daher nicht in einem Künstlernamen, der sich derzeit überzeugend belegen ließe. Vielmehr eröffnet ein beschädigtes anonymes Tafelbild mit einer Schätzung von €2.000–3.000 den Zugang zu einer weitaus reicheren Geschichte niederländischer Hofporträtkunst, habsburgischer Politik und dynastischer Bildproduktion. Dass Bieter darin etwas Interessantes erkennen, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Ob sie darin am Ende tatsächlich eine Entdeckung sehen, wird sich erst mit dem Verlauf der Auktion überzeugend beantworten lassen.
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Anmerkungen und Quellen
[1] Artcurial, Maîtres anciens & du XIXe siècle, Paris, 15. September 2026, Auktion 6489, Los 144, Portrait of Emmanuel Philibert, Duke of Savoy (1528–1580); Öl auf Holz, 41 × 31 cm; Schätzung €2.000–3.000; Provenienz: Privatsammlung, Île-de-France. Der Katalog vermerkt „Fentes et restaurations“ sowie Inschriften einschließlich der Jahreszahl 1558.
[2] Royal Collection Trust, Anthonis Mor, Emmanuel Philibert, Duke of Savoy (1528–1580), um 1555–60, Öl auf Holz, RCIN 403945.
[3] Dorotheum, Old Master Paintings, Wien, 20. Oktober 2015, Los 224, Jan Kraeck, A Portrait of Carlo Emanuele I, Duke of Savoy, Öl auf Leinwand, 118,4 × 98 cm. Schätzung €15.000–20.000; Verkaufspreis €18.750 einschließlich Aufgeld.
[4] Sotheby’s, Fine Old Master & 19th Century European Art, New York, 1. Februar 2018, Los 518, zugeschrieben an Giacomo Vighi, Portrait of Emmanuel Philibert (1528–1580), Duke of Savoy, full length, wearing the robe of the Supreme Order of the Most Holy Annunciation. Schätzung $20.000–30.000 (etwa €17.000–26.000).