Artcurial versteigert am 15. September eine kleine niederländische Winterlandschaft, die Anthonie Verstraelen zugeschrieben wird, mit einer Schätzung von 15.000–20.000 € (17.500–23.000 $). 1937 wurde dasselbe Gemälde noch als Werk eines unbekannten niederländischen Meisters angeboten, mit einem Monogramm, das damals als „HA“ gelesen wurde. Die Frage lautet also nicht nur, was das Bild wert ist, sondern vor allem: Wie kam Verstraelens Name ins Spiel?
Auf den ersten Blick ist Winter Landscape with an Ambush genau jene Art kleiner Winterlandschaft des 17. Jahrhunderts, die zwischen bedeutenderen Alten Meistern leicht übersehen wird. Eine gefrorene Landschaft, kahle Bäume, ein Kirchturm in der Ferne und einige Figuren, die auf einem Landweg eine gewaltsame Szene austragen. Die Komposition ist durchaus ansprechend.
Wer etwas länger hinsieht, erkennt jedoch, wie geschickt die Tafel aufgebaut ist. Die schweren Baumstämme zu beiden Seiten fassen die Szene beinahe wie Theaterkulissen ein. Dazwischen führt der Weg diagonal in die Tiefe, vorbei an einem Planwagen und weiter zu einem zweiten Wagen im Hintergrund. Die Figuren im Vordergrund sind klein, doch ihre Verteilung über die offene Fläche verleiht dem Überfall eine gewisse nervöse Spannung. Ein Reiter scheint sich aus dem Tumult zu lösen, während sich bewaffnete Männer aus verschiedenen Richtungen auf die Mitte zubewegen.

Auch der Winterhimmel trägt zur Wirkung bei. Kein strahlendes Blau, keine heitere Eisszene, sondern ein gelbliches, leicht schmutzig wirkendes Licht, das die Landschaft eher bedrohlich als gesellig erscheinen lässt. Gerade diese Verbindung aus Winterlandschaft und kleiner erzählerischer Szene zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Doch auf dem dunklen Baum rechts befindet sich noch ein Detail, das das Gemälde zusätzlich interessant macht: ein Monogramm.[1]
1937 las man „HA“
Das Gemälde lässt sich mit großer Sicherheit in der Lost-Art-Datenbank identifizieren. Maße, Bildträger, Motiv und alte Inventarnummern stimmen mit dem heutigen Los überein. Auch die Komposition lässt kaum Zweifel zu. Bei einer Auktion von Julius Böhler in München im Jahr 1937 erschien das Gemälde als Los 697 und wurde als Werk eines unbekannten niederländischen Meisters des 17. Jahrhunderts angeboten. Noch wichtiger: Das Monogramm auf dem Baum wurde ausdrücklich als „HA“ gelesen.[2] Monogramme auf Gemälden Alter Meister können durch Firnis, Abrieb, Übermalungen und Restaurierungen allerdings außerordentlich schwer zu entziffern sein.

Warum Verstraelen dennoch plausibel ist
Anthonie Verstraelen, um 1594 geboren und 1641 gestorben, spezialisierte sich auf Winterlandschaften, und seine Werke wurden in der Vergangenheit wiederholt mit denen Hendrick Avercamps verwechselt.[3] Das ist an sich nicht besonders überraschend. Beide Künstler bewegen sich in einer ähnlichen Bildwelt aus kahlen Bäumen, Eisflächen, tiefen Horizonten, kleinen Figuren und Landschaften, die zugleich Schauplatz und eigentliches Thema sind.
Ein guter Vergleich findet sich im Mauritshuis. Verstraelens Winter Landscape von 1623 ist rechts unten mit AVS monogrammiert und datiert, wobei die Buchstaben miteinander verschränkt sind.[4] Eine signierte Winterlandschaft von 1626, die Sotheby’s 2023 anbot, trägt ebenfalls das Monogramm AVS.[5] Damit wird unmittelbar deutlich, weshalb das von Böhler gelesene Monogramm so interessant ist. Es widerlegt die heutige Zuschreibung nicht, verlangt aber nach einer Erklärung.
Stilistisch ist die Zuschreibung keineswegs aus der Luft gegriffen. Die gebogenen Bäume, der tiefe Horizont, die verstreut angeordneten Figuren und die kleinen erzählerischen Szenen passen gut in Verstraelens Œuvre. Auch die Art, wie die Landschaft durch große Bäume gerahmt wird, wirkt überzeugend. Bemerkenswert ist zudem, wie wenig Raum der eigentliche Überfall einnimmt. Die Figuren sind für die Erzählung wichtig, bleiben der Landschaft jedoch untergeordnet. Das ist für viele niederländische Landschaften dieser Zeit typisch: Die Anekdote zieht den Betrachter hinein, letztlich geht es jedoch ebenso sehr um Raum und Atmosphäre.

Ein ungewöhnlicher Verstraelen
Das Motiv weicht zudem von jenem Bildtypus ab, mit dem Verstraelen am häufigsten in Verbindung gebracht wird. Seine bekannteren Werke zeigen meist belebte Eislandschaften: Schlittschuhläufer, Kolfspieler, Spaziergänger und Schlitten auf einem zugefrorenen Fluss oder Kanal. Hier ist die Landschaft leerer und bedrohlicher. Reiter und bewaffnete Männer bestimmen den Vordergrund, während die gefrorene Wasserfläche links kaum als Schauplatz winterlicher Vergnügungen dient.
Je weiter sich ein Gemälde vom gesicherten Kern eines Œuvres entfernt, desto wichtiger werden andere Anhaltspunkte: Signatur, Technik, Bildträger, Provenienz und vor allem der Vergleich mit überzeugend dokumentierten Werken. Eine Möglichkeit ist, dass das Monogramm selbst problematisch ist. Signaturen und Initialen konnten zu späterer Zeit verstärkt, verändert oder hinzugefügt werden. Im November 2022 wurde die Tafel übrigens bereits bei Artcurial als „attributed to Anthonie Verstraelen“ angeboten.[6]

15.000–20.000 € wirken nicht teuer
Das Auktionshaus hat das Gemälde mit 15.000–20.000 € (17.500–23.000 $) taxiert. Auf den ersten Blick mag das für eine kleine Tafel, deren Urheberschaft nicht abschließend geklärt ist, recht hoch erscheinen. Der Markt für Verstraelen legt jedoch eher das Gegenteil nahe. Im November 2025 verkaufte Artcurial eine kleinere Winterlandschaft von 17,5 × 28 Zentimetern, die ohne den Zusatz „attributed to“ unter Verstraelens Namen angeboten wurde. Auch sie war auf 15.000–20.000 € geschätzt und erzielte einen Verkaufspreis von 29.128 € (rund 34.000 $).[7]
Besser dokumentierte und monogrammierte Werke Verstraelens können deutlich höhere Preise erreichen. Eine Winterlandschaft mit AVS-Monogramm, Datierung und einer Expertise von Klaus Ertz wurde 2015 bei Lempertz für 62.000 € inklusive Aufgeld verkauft.[8] Eine größere Winterlandschaft erreichte 2024 beim Venduehuis sogar einen Zuschlagspreis von 135.000 €.[9]
Die Provenienz ist im Übrigen ausführlich dokumentiert. Für den aktuellen Verkauf wurde mit dem Rechtsnachfolger der Galerie Matthiesen eine Vereinbarung getroffen.[1][2] Vielleicht war Böhlers „HA“ nichts weiter als eine alte Fehlinterpretation. Könnte Winter Landscape with an Ambush überzeugend und ohne Vorbehalt als Werk Verstraelens angeboten werden, würde eine Schätzung von 15.000–20.000 € eher vorsichtig wirken. Mit dem Zusatz „attributed to“ wird die Schätzung verständlicher. Die Unsicherheit über den Künstler ist im Preis bereits berücksichtigt: Ein Käufer erwirbt hier nicht nur eine Winterlandschaft. Er kauft zugleich eine offene Zuschreibungsfrage.
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Anmerkungen und Quellen
[1] Artcurial, Maîtres anciens & du XIXe siècle, Paris, 15. September 2026, Los 181, Winter Landscape with an Ambush, Anthonie Verstraelen zugeschrieben; Öl auf Eichenholz, 31,5 × 43,5 cm; Monogramm auf dem Baum rechts; Schätzung 15.000–20.000 €.
[2] Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Lost-Art-Datenbank, ID 626331, Winter Landscape; mit Verweis auf Julius Böhler, München, 1937, Los 697, und die Lesart des Monogramms als „HA“.
[3] Dorotheum, Old Master Paintings, Wien, 24. April 2024, Los 42, Anthonie Verstraelen, Skaters on the Ice; mit einer Besprechung der historischen Verwechslung von Werken Verstraelens mit Hendrick Avercamp.
[4] Mauritshuis, Den Haag, Anthonie Verstraelen, Winter Landscape, 1623, Inv.-Nr. 659; signiert und datiert „AVS 16[.]3“.
[5] Sotheby’s, Master Paintings and Sculpture Part II, New York, 27. Januar 2023, Los 449, Anthonie Verstraelen, Winter Landscape on a Frozen Canal with Kolfers, Skaters and a Horse-Drawn Sleigh, monogrammiert und datiert AVS 1626.
[6] Artcurial, Collection baron & baronne Vaxelaire, Un hommage familial, Paris, 9. November 2022, Los 30, Winter Landscape with an Ambush, Anthonie Verstraelen zugeschrieben.
[7] Artcurial, Maîtres anciens & du XIXe siècle, Paris, 25. November 2025, Los 54, Anthonie Verstraelen, Winter Skating Scene; Schätzung 15.000–20.000 €, veröffentlichter Verkaufspreis 29.128 €.
[8] Lempertz, Gemälde und Zeichnungen Alter Meister und des 19. Jahrhunderts, Köln, 14. November 2015, Los 1472, Anthonie Verstraelen, Winter Landscape; monogrammiert und datiert AVS, mit einer Expertise von Klaus Ertz; Verkaufspreis 62.000 € inklusive Aufgeld.
[9] Venduehuis der Notarissen, Old Masters, Nineteenth Century & Early Modern Art, Den Haag, 12. November 2024, Los 21, Anthonie Verstraelen, Fun on the Ice by the City Edge; Zuschlagspreis 135.000 €.