Am 15. September bringt Artcurial in Paris eine kleine Eichentafel mit einer Jagdszene als attribué à Roelandt Savery zur Versteigerung. Der Schätzpreis liegt bei lediglich €3.000-4.000. Interessanter als dieser Betrag ist jedoch die Vorgeschichte des Gemäldes: 1925 und 1932 galt es noch als Werk von Lucas de Wael, bevor es später Eingang in die Savery-Literatur fand, allerdings mit einem ausdrücklichen Vorbehalt hinsichtlich der Ausführung der Tiere.

Ein Roelandt Savery für €3.000 klingt verlockend. Doch das Auktionshaus bietet am 15. September kein allgemein als eigenhändig anerkanntes Gemälde Saverys an, sondern eine Zuschreibung: Scène de chasse dans un sous-bois de montagne, Öl auf Holz, 38 × 50 Zentimeter, mit Restaurierungen. Die Katalogisierung ist ausdrücklich vorsichtig formuliert: attribué à Roelandt Savery. Schätzpreis: €3.000–4.000.[1]

Roelandt Savery (1576–1639) zugeschrieben, Scène de chasse dans un sous-bois de montagne, Öl auf Eichenholz, 38 × 50 cm. Artcurial, Paris, 15. September 2026, Los 151; Schätzpreis €3.000–4.000. Das Gemälde wurde 1925 und 1932 noch als Werk von Lucas de Wael versteigert.

Der Unterschied, der in diesen wenigen Worten liegt, ist entscheidend. Seit mindestens einem Jahrhundert besitzt die Tafel keine stabile Zuschreibung. Bei einer Auktion von J. Fiévez in Brüssel am 21. Dezember 1925 wurde sie als Werk von Lucas de Wael angeboten. Mehr als ein halbes Jahrhundert später nahm Kurt J. Müllenmeister sie als Nr. 102 in seinen 1988 erschienenen kritischen Werkkatalog der Gemälde Saverys auf. Doch auch damit war die Frage nicht geklärt: Müllenmeister äußerte Vorbehalte gegen die Zuschreibung, insbesondere wegen der Ausführung der Tiere.[2]

Damit verfügt das Gemälde über eine ungewöhnlich transparente Zuschreibungsgeschichte. Die Frage lautet nicht einfach, ob hier ein vergessener Savery günstig angeboten wird. Interessanter ist vielmehr, weshalb das Bild offenbar genügend Merkmale aufweist, die mit Savery in Verbindung gebracht werden können, um immer wieder in dessen künstlerisches Umfeld eingeordnet zu werden, ohne je uneingeschränkt als eigenhändiges Werk anerkannt worden zu sein.

Roelant Savery, Wild Boar Hunt in a Rocky Landscape, 1620, Öl auf Holz, 61 × 81,4 cm. Rijksmuseum, Amsterdam, Inv.-Nr. SK-C-447. Das signierte und datierte Gemälde zeigt, wie Jagdmotive, Hirsche und eine felsige Waldlandschaft innerhalb von Saverys anerkanntem Œuvre miteinander verbunden werden konnten.

Der Zweifel liegt genau dort, wohin der Blick gelenkt wird

Auf den ersten Blick lässt sich gut nachvollziehen, weshalb Saverys Name mit diesem Bild in Verbindung gebracht wurde. Rechts nimmt eine dunkle, dichte Waldpartie beinahe die gesamte Bildfläche ein. Alte Baumstämme, knorrige Wurzeln und Felsformationen schaffen einen steilen, leicht theatralischen Raum. Links öffnet sich die Landschaft unvermittelt: Der Blick wird über einen Hang in eine kühlere, blaugrüne Ferne geführt, mit einer Siedlung tief am Horizont und hoch aufgetürmten Wolken darüber.

Zwischen diesen beiden Bildwelten sind die Tiere verteilt. Hirsche erscheinen unter den Bäumen und zwischen den Felsen; andere Tiere verschwinden teilweise im braun-grünen Vordergrund. Sie sind nicht bloß nachträgliche Staffage, sondern lenken den Blick durch den Wald. Der Kontrast zwischen der dunklen rechten Bildhälfte und der atmosphärischen Öffnung links verleiht der Tafel zudem eine räumliche Wirkung, die über ihre bescheidenen Maße hinausgeht.

Das bildnerische Vokabular steht Savery zweifellos nahe. Das Rijksmuseum besitzt beispielsweise die signierte und 1620 datierte Wild Boar Hunt in a Rocky Landscape, in der eine Wildschweinjagd, fliehende Hirsche, steile Felsformationen und ein weiter Fernblick ebenfalls innerhalb einer dicht komponierten Landschaft zusammengeführt werden.[3] Das Werk ist kein unmittelbarer kompositorischer Vergleich, zeigt jedoch klar, dass Jagd, Wildtiere und bergige Waldlandschaften fest zu Saverys Repertoire gehören.

Werkstatt von Roelant Savery, The Poet Crowned by Two Apes at the Feast of the Animals, 1623, Öl auf Leinwand, 56,5 × 82 cm. Rijksmuseum, Amsterdam, Inv.-Nr. SK-A-366. Obwohl das Gemälde eine vermutlich authentische Signatur trägt, schreibt das Museum es Saverys Werkstatt zu; auch hier spielt die Ausführung der Tiere in der Zuschreibungsdiskussion eine wichtige Rolle.

Gerade deshalb ist Müllenmeisters Vorbehalt so interessant. Auf Reproduktionen der bei Artcurial angebotenen Tafel wirken einige der Tierfiguren weniger überzeugend ausgearbeitet als die umgebenden Landschaftspartien. Das allein ist selbstverständlich keine Grundlage, um eine Zuschreibung zurückzuweisen. Zudem weist der Katalog ausdrücklich auf Restaurierungen hin. Dennoch lässt sich nachvollziehen, wie der Gegensatz zwischen dem überzeugenden Rhythmus von Baumstämmen, Felsen und räumlicher Tiefe einerseits und einigen etwas ungelenker wirkenden Tieren andererseits Anlass zu seinen Zweifeln gegeben haben könnte.

Das Rijksmuseum katalogisiert ein signiertes Gemälde von 1623, The Poet Crowned by Two Apes at the Feast of the Animals, heute als Werkstatt von Roelant Savery. Dort spielen ganz ähnliche Argumente eine Rolle: Nach Angaben des Museumskatalogs sind die Tiere weniger überzeugend gemalt und weniger gelungen in die Landschaft integriert als in gesicherten Werken Saverys. Müllenmeister schlug Hans Savery II als möglichen Urheber vor, dessen Œuvre jedoch zu wenig klar umrissen ist, um diese Zuschreibung überzeugend zu untermauern.[4]

Wie niedrig sind €3.000–4.000 tatsächlich?

Aus Marktsicht wird der Unterschied zwischen einem anerkannten Savery und einem Savery-Kandidaten schnell deutlich. Im März 2025 verkaufte Artcurial Taureaux, perroquet et autres animaux dans un paysage rocheux, eine deutlich kleinere Eichentafel von 23,5 × 26,5 Zentimetern, ohne Einschränkung als Werk von Roelandt Savery. Das Gemälde verfügte über eine ältere Brüsseler Provenienz, war laut einem Etikett 1954 in Gent ausgestellt worden und ist als Nr. 116 in Müllenmeisters Werkkatalog verzeichnet. Bei einem Schätzpreis von €10.000–15.000 veröffentlichte Artcurial ein Ergebnis von €13.000.[5]

Roelant Savery, A rocky wooded landscape with birds, deer and other animals, 1627, Öl auf Holz, 36,5 × 49,7 cm. Christie’s, New York, 25. Mai 2023. Die nahezu gleich große Tafel ist signiert und datiert und wurde mit einem Schätzpreis von $30.000–50.000 angeboten.

Ein stärkerer Marktvergleich hinsichtlich des Formats ist Christie’s A rocky wooded landscape with birds, deer and other animals. Mit 36,5 × 49,7 Zentimetern ist die Tafel nahezu genauso groß wie das aktuelle Los und ebenfalls bei Müllenmeister verzeichnet, dort als Nr. 159. Im Zuge der Auktion stellte sich zudem heraus, dass das Gemälde signiert und 1627 datiert ist. Christie’s bot es im Mai 2023 in New York ohne Mindestpreis mit einem Schätzpreis von $30.000-50.000 an.[6] Der Unterschied zu €3.000–4.000 ist beträchtlich, aber auch logisch: Ein signiertes und datiertes Werk, das ohne Einschränkung der Zuschreibung katalogisiert wird, gehört zu einer anderen Marktkategorie als Los 151.

Noch jüngeren Datums ist die Versteigerung von A wooded river landscape with hunters bei Dorotheum am 28. April 2026. Das Auktionshaus datierte das Werk auf circa 1603 und setzte den Schätzpreis mit €30.000–40.000 an. Der Zuschlagspreis einschließlich Aufgeld betrug €44.000.[7] Auch hier bilden Jäger, Tiere, dichter Wald und ein sich in die Ferne öffnender Ausblick zentrale Elemente der Komposition. Das Gemälde ist allerdings größer, gehört einer anderen Schaffensphase an und wurde ohne Zuschreibungsvorbehalt als Werk Saverys angeboten.

Worum es bei Los 151 tatsächlich geht

Damit wird auch deutlich, weshalb dieses Gemälde unsere Aufmerksamkeit verdient. Die Tafel enthält genügend Elemente jener Landschaftswelt, die mit Savery verbunden wird, um die Zuschreibung nicht von vornherein als belanglos abzutun. Darin unterscheidet sich dieses Los von den zahlreichen Alten Meistern, die mit einem hoffnungsvoll klingenden berühmten Namen und nur geringer weiterer Begründung auf den Markt kommen.

Hier lässt sich die Entwicklung beinahe Schritt für Schritt verfolgen: De Wael 1925, erneut De Wael 1932, Savery in der kritischen Œuvreforschung von 1988, allerdings unter Vorbehalt, und 2026 wieder Savery, wenn auch mit der notwendigen Einschränkung attribué à.

Der endgültige Auktionspreis wird kunsthistorisch nichts beweisen. Doch die Frage, welchen Betrag Sammler für diese dokumentierte Unsicherheit zu zahlen bereit sind, sagt durchaus etwas über ein kleines, aber faszinierendes Segment des Marktes für Alte Meister aus: jene Zone, in der ein berühmter Name nicht als Gewissheit gekauft wird, sondern als weiterhin ungelöste Frage.

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Anmerkungen und Quellen

[1] Artcurial, Maîtres anciens & du XIXe siècle, Paris, 15. September 2026, Los 151, „Attribué à Roelandt Savery, Scène de chasse dans un sous-bois de montagne“; Öl auf Holz, 38 × 50 cm; Schätzpreis €3.000–4.000.

[2] Kurt J. Müllenmeister, Roelant Savery. Die Gemälde mit kritischem Oeuvrekatalog, Freren, 1988, S. 243, Nr. 102.

[3] Rijksmuseum, Roelant Savery, Wild Boar Hunt in a Rocky Landscape, 1620, Öl auf Holz, 61 × 81,4 cm, Inv.-Nr. SK-C-447; signiert und datiert.

[4] Yvette Bruijnen, „workshop of Roelant Savery, The Poet Crowned by Two Apes at the Feast of the Animals, 1623“, in J. Bikker (Hrsg.), Dutch Paintings of the Seventeenth Century in the Rijksmuseum, Amsterdam, 2007.

[5] Artcurial, Maîtres anciens & du XIXe siècle, Paris, 27. März 2025, Los 219, Roelandt Savery, Taureaux, perroquet et autres animaux dans un paysage rocheux, Schätzpreis €10.000–15.000; veröffentlichtes Ergebnis €13.000.

[6] Christie’s, New York, Old Master Paintings & Sculpture Online, 25. Mai 2023, Los 20, Roelandt Savery, A rocky wooded landscape with birds, deer and other animals, 36,5 × 49,7 cm, Schätzpreis $30.000–50.000.

[7] Dorotheum, Old Master Paintings, Wien, 28. April 2026, Los 77, Roelandt Savery, A wooded river landscape with hunters, Schätzpreis €30.000–40.000; erzielter Preis €44.000 einschließlich Aufgeld.