Zunächst wirkte es wie ein eher unscheinbares Altmeister-Los in der bevorstehenden Versteigerung der Sammlung Gerolamo Etro: ein großes Herrenporträt aus dem 18. Jahrhundert, einem anonymen mittelitalienischen Meister zugeschrieben und auf 2.000–3.000 Euro geschätzt. Inzwischen hat das Auktionshaus das Gemälde jedoch „for inspection“ aus der Auktion zurückgezogen. Warum? Der Erhaltungszustand ist eine mögliche Erklärung, bei dieser Schätzung aber auch eine etwas ungewöhnliche. Eine andere Frage drängt sich auf: Hat sich während der Katalogisierung die Möglichkeit einer bedeutenderen Zuschreibung ergeben, vielleicht sogar an Pompeo Batoni?

Dass ein Auktionshaus ein auf 2.000–3.000 Euro geschätztes Gemälde wenige Wochen vor einer Auktion zurückzieht, muss nichts Spektakuläres bedeuten. Ein Einlieferer kann seine Meinung geändert haben, es kann eine Provenienzfrage aufgetaucht sein oder ein Restaurator kann etwas festgestellt haben, das weitere Untersuchungen erfordert. Dennoch ist die Formulierung bei Los 64 von Il Ponte auffallend präzise: „LOT WITHDRAWN FOR INSPECTION.“

Bei dem Werk handelt es sich um Portrait of a Gentleman Holding a Letter, ein Ölgemälde auf Leinwand im Format 127 × 94,5 cm, das für eine dreitägige Auktion vorgesehen war, die am 22. September in Mailand beginnt. Il Ponte katalogisiert das Bild bislang lediglich als Central Italian Master, 18th Century. Die Schätzung liegt bei 2.000–3.000 Euro. Im Katalog wird zudem bereits ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Gemälde „defects and restorations“ aufweist.[1]

Gerade dieser letzte Punkt macht eine ausschließlich konservatorische Erklärung etwas weniger naheliegend. Schäden und Restaurierungen waren offenbar bereits bekannt, als das Gemälde katalogisiert und geschätzt wurde. Bei einem anonymen Altmeisterbild in dieser Preisklasse ist ein nicht makelloser Erhaltungszustand zudem kaum ungewöhnlich. Natürlich kann eine spätere Untersuchung gravierendere Probleme aufgedeckt haben – strukturelle Schäden, umfangreiche Übermalungen oder sogar Zweifel an Alter und Material. Dennoch ist die vollständige Rücknahme eines Loses ein relativ einschneidender Schritt.

All das ist kein Beweis für eine Neuzuschreibung. Es ist jedoch genau der Punkt, an dem ein niedrig geschätztes Los interessant wird.

Central Italian Master, 18th Century, Portrait of a Gentleman Holding a Letter, Öl auf Leinwand, 127 × 94,5 cm. Il Ponte, Gerolamo Etro – A Love Affair, Los 64, Schätzung 2.000–3.000 Euro. Das Los wurde vor der Auktion „for inspection“ zurückgezogen.

Ein Gemälde, das nicht ganz zu seiner Schätzung passt

Auch ohne berühmten Namen wirkt Los 64 ambitionierter, als es die Katalogisierung vermuten lässt. Der unbekannte Mann ist in Dreiviertelfigur sitzend in einem aufwendig gestalteten Sessel dargestellt, gekleidet in tiefroten Samt mit reicher Goldstickerei. Spitze, Perücke, Schreibtisch und Dokument verorten ihn eindeutig in einem offiziellen oder aristokratischen Umfeld. Das Kostüm ist nicht bloß dekorativ behandelt: Der Maler hat sichtbar darauf geachtet, Samt, Metallstickerei, Haut und Spitze materiell voneinander zu unterscheiden.

Das Gesicht ist sorgfältig modelliert und gegenüber der beinahe ostentativen Kleidung vergleichsweise zurückhaltend behandelt. Auch der Kopf besitzt jene ruhige, leicht idealisierte Präsenz, wie man sie in der römischen Porträtmalerei der mittleren und zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts häufig findet. Die Hände wirken weniger überzeugend als das Gesicht, und einige Bereiche der Oberfläche erscheinen unruhig, wobei die Restaurierungsgeschichte des Gemäldes stets mitbedacht werden muss.

Die Frage lautet daher nicht, ob 2.000–3.000 Euro „zu wenig“ sind. Für ein anonymes, restauriertes Porträt des 18. Jahrhunderts kann dies eine vollkommen nachvollziehbare Schätzung sein. Interessanter ist die Diskrepanz zwischen dieser allgemeinen Katalogisierung und dem Anspruch der Darstellung. Es handelt sich um ein großformatiges, repräsentatives Porträt eines Mannes, der nach Kleidung und Inszenierung einer hochrangigen administrativen, diplomatischen oder aristokratischen Schicht angehört haben könnte. Stilistisch scheint das Werk eher in die internationale Porträtkultur Roms um 1760–1780 zu gehören als in die Kategorie eines gewöhnlichen provinziellen Porträts.

Und an diesem Punkt kommt Pompeo Girolamo Batoni (1708–1787) ins Spiel.

Pompeo Girolamo Batoni, Manuel de Roda, 1765, Öl auf Leinwand, 99 × 75 cm. Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, Inv. 0709. Das reich bestickte rote Kostüm, der dunkle Hintergrund und die Einbeziehung von Dokumenten machen dieses Werk zu einem der interessantesten Vergleichsbeispiele für Los 64.

Warum gerade Batoni?

Mitte des 18. Jahrhunderts war Batoni der führende internationale Porträtmaler in Rom. Seit den 1750er-Jahren baute er eine Praxis auf, die sich auf Aristokraten, Diplomaten und Grand-Tour-Reisende konzentrierte. Zu seinen besonderen Stärken gehörten eine präzise Physiognomie, kontrollierte Zeichnung und die virtuose Wiedergabe unterschiedlicher Stoffe und Oberflächen.

Damit ist noch nichts über die Urheberschaft des Porträts bei Il Ponte gesagt. Auffällig ist jedoch, wie mühelos sich das Werk in dieselbe visuelle Welt einfügt. Einer der nützlichsten Vergleiche ist Batonīs Manuel de Roda von 1765 in der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando. Der spanische Diplomat und Minister erscheint in einem reich bestickten roten Kostüm mit Spitze, umgeben von Papieren und Schreibutensilien.[3]

Noch deutlicher ist die Übereinstimmung in Maßstab und Porträttyp mit Batonīs George Legge, Viscount Lewisham von 1778 im Prado. Das Gemälde misst 127 × 100 cm. Los 64 bei Il Ponte misst 127 × 94,5 cm – also exakt dieselbe Höhe. Auch Legge sitzt vor einem überwiegend dunklen Hintergrund, ist rot gekleidet und neben einem Tisch dargestellt; in den Händen hält er eine Karte Italiens.[4]

Auch Batonīs Porträt von George Herbert, 2nd Earl of Powis, 1776–77 in Rom entstanden, liegt mit 134,6 × 96,5 cm nahezu in derselben Formatkategorie. Der National Trust dokumentiert es als römischen Grand-Tour-Auftrag aus einer Zeit, in der Batoni bei britischen Aristokraten besonders gefragt war.[5]

Keine dieser Parallelen beweist eine Zuschreibung. Roter Samt, Goldstickerei, ein Dokument und ein dunkler Hintergrund waren keineswegs exklusive Merkmale Batonīs. Entscheidender ist der Gesamttypus: Format, gesellschaftliche Inszenierung, Farbgebung, der Kontrast zwischen aufwendig ausgeführtem Kostüm und zurückhaltendem Hintergrund sowie die konzentrierte Behandlung des Gesichts passen gut zu jener internationalen Porträtkunst, für die Batoni in Rom eine große Werkstattpraxis unterhielt.

Damit ist er ein plausibler Name für weitere Untersuchungen. Nicht notwendigerweise der richtige.

Pompeo Batoni, George Legge, Viscount Lewisham, 1778, Öl auf Leinwand, 127 × 100 cm. Museo Nacional del Prado, Madrid, Inv. P000048. Das Gemälde besitzt exakt dieselbe Höhe wie das zurückgezogene Porträt bei Il Ponte und zeigt ebenfalls einen sitzenden Aristokraten in Rot, begleitet von Dokument und Schreibtisch.

Der Markt macht weitere Untersuchungen plausibel

Die ursprüngliche Schätzung macht diese Unterscheidung relevant. Ein allgemein katalogisierter „Central Italian Master“ bei 2.000–3.000 Euro befindet sich kommerziell in einer völlig anderen Kategorie als ein Gemälde, das selbst vorsichtig mit Batoni in Verbindung gebracht werden kann.

Ein Porträt aus der Werkstatt Pompeo Batonīs wurde 2020 bei Sotheby’s auf 6.000–8.000 Pfund geschätzt.[6] Im Juni 2025 erzielte ein Porträt Kaiser Franz I. Stephans, bei Dorotheum als Circle of Pompeo Batoni angeboten, 13.000 Euro einschließlich Aufgeld und Mehrwertsteuer bei einer Schätzung von 10.000–20.000 Euro.[7] Bei vollständig akzeptierten eigenhändigen Porträts verschiebt sich das Preisniveau deutlich. Sotheby’s versah Portrait of the Rev. Thomas Kerrich im November 2025 mit einer Schätzung von 100.000–150.000 Euro.[8]

Diese Zahlen erklären, warum ein Spezialist eine mögliche Zuschreibungsfrage nicht bis nach der Auktion offenlassen würde. Der Unterschied zwischen „Central Italian Master“, „circle of“, „studio of“ und einem anerkannten Batoni ist nicht bloß terminologisch; er verändert die kunsthistorische und kommerzielle Stellung des Gemäldes grundlegend.

Pompeo Girolamo Batoni, George Edward Henry Arthur Herbert, 2nd Earl of Powis, 1776–77, Öl auf Leinwand, 134,6 × 96,5 cm. Powis Castle, National Trust, NT 1181071. Auch dieses römische Porträt liegt hinsichtlich des Formats nahe bei Los 64 und verbindet einen repräsentativ gekleideten Dargestellten mit Schreibtisch und Korrespondenz.

Ein beinahe verblüffend passender Präzedenzfall

Ein Porträt, das Christie’s 2020 als Batoni anbot, war 1963 noch als Werk von Gilbert Stuart verkauft worden. Als es im Januar 1985 erneut bei Sotheby’s erschien, wurde es diesmal Angelica Kauffmann zugeschrieben. Die später von Christie’s veröffentlichte Provenienz vermerkt ausdrücklich, dass das Werk „withdrawn following correct identification of the artist“ wurde. Wenige Monate später, am 3. April 1985, wurde es erneut angeboten – nun als Pompeo Batoni. Das Gemälde wurde inzwischen auch in die Batoni-Kataloge von Clark und Bowron aufgenommen.[9]

Dieser Präzedenzfall verdient Aufmerksamkeit, weil der Mechanismus der Frage, die sich nun in Mailand stellt, erstaunlich nahekommt: Ein Porträt des 18. Jahrhunderts erscheint unter einer anderen oder allgemeinen Zuschreibung in einer Auktion, wird vor dem Verkauf zurückgezogen und könnte sich bei näherer Untersuchung als Werk eines bedeutenderen Künstlers erweisen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass sich die Geschichte bei Il Ponte wiederholt. Es verhindert aber, dass die Batoni-Hypothese als willkürlicher Vergleich mit einem berühmteren Maler abgetan werden kann.

Pompeo Batoni, Portrait of a gentleman, bust-length, in a plum coloured jacket and pink waistcoat, Öl auf Leinwand, 66 × 52,1 cm. Das Gemälde erschien im Januar 1985 bei Sotheby’s als Angelica Kauffmann, wurde laut später veröffentlichter Provenienz jedoch „following correct identification of the artist“ zurückgezogen. Im April desselben Jahres wurde es erneut als Batoni angeboten.

Batoni ist nicht der einzige Kandidat

Wer ausschließlich Vergleichswerke von Batoni betrachtet, kann sich leicht selbst überzeugen. Genau darin liegt die Gefahr des Connoisseurship. Im Rom dieser Zeit arbeiteten mehrere Porträtisten für dieselbe internationale Klientel. Anton von Maron (1733–1808) ist hier wahrscheinlich die wichtigste Alternative. Er ließ sich 1755 in Rom nieder, arbeitete eng mit Anton Raphael Mengs zusammen und übernahm nach Mengs’ Übersiedlung nach Madrid im Jahr 1761 einen Teil von dessen Porträtklientel.

Auch Verwechslungen mit Batoni sind dokumentiert. Dorotheum verkaufte 2010 ein Herrenporträt, das lange Zeit für Batoni oder dessen Umkreis gehalten worden war. Ein Spezialist identifizierte es schließlich als Werk Marons. Es wurde auf 20.000–25.000 Euro geschätzt und erzielte 57.255 Euro einschließlich Aufgeld.[10]

Das Porträt bei Il Ponte muss also kein Batoni sein, um sich als deutlich interessanter zu erweisen, als es die ursprüngliche Katalogisierung vermuten ließ. Auch eine überzeugende Zuschreibung an Maron oder einen anderen bedeutenden römischen Porträtisten würde den Status des Werkes grundlegend verändern.

Und doch kann es schlicht um den Erhaltungszustand gehen

Il Ponte hat bislang nichts veröffentlicht, was darauf hindeutet, dass die Urheberschaft des Gemäldes neu geprüft wird. Die einzigen gesicherten Tatsachen sind, dass Los 64 „for inspection“ zurückgezogen wurde und dass das Gemälde Schäden und Restaurierungen aufweist. Unter einer älteren Restaurierung könnte ein Problem entdeckt worden sein, das auf dem Katalogfoto nicht sichtbar ist. Ebenso wenig lassen sich Fragen zu Provenienz, Eigentum oder Datierung ausschließen.

Doch die Abfolge bleibt bemerkenswert. Sie legt zumindest nahe, dass nach der ursprünglichen Katalogisierung eine Frage aufkam, die das Auktionshaus für bedeutsam genug hielt, den Verkauf zu stoppen. Genau an diesem Punkt wird die Qualität des Porträts relevant. Seine Attraktivität hängt nicht allein von der Möglichkeit ab, ihm einen berühmten Namen zuzuweisen. Komposition, Format und malerische Behandlung rücken es in die Nähe jener internationalen römischen Porträtkunst, in der Batoni die führende Figur war.

Das Auktionshaus beschreibt Gerolamo Etro – A Love Affair als eine Auswahl von Gemälden, Möbeln und Kunstobjekten, die über mehr als fünfzig Jahre zusammengetragen wurde.[2] Es handelt sich um eine breite und stark persönliche Sammlung und nicht um eine eng umrissene Altmeistersammlung, in der jedes Gemälde zwangsläufig bereits umfassend wissenschaftlich untersucht worden sein musste. Genau in einem solchen Umfeld kann ein Altmeister über Jahre unter einer allgemeinen Zuschreibung weitergeführt werden.

Sollte Il Ponte das Gemälde später mit einem spezifischeren Namen erneut veröffentlichen – Batoni, Maron, deren Umkreis oder ein anderer Künstler –, dann wäre diese kleine Änderung im Katalog das erste sichtbare Zeichen dafür gewesen, dass ein Gemälde im Wert von nur wenigen Tausend Euro dennoch weitere Untersuchungen wert war.

Interessieren Sie sich besonders für diesen Künstler oder dieses Thema?

Verfolgen Sie den Markt für diesen Künstler, oder sind Sie auf ein Werk gestoßen, über das Sie gerne mehr erfahren möchten? Wir beschäftigen uns regelmäßig mit Werken, die auf dem Markt erscheinen, und tauschen uns gerne über Qualität, Provenienz, kunsthistorischen Kontext und frühere Auktionsergebnisse aus. Sie erreichen uns direkt über info@antonello.art.

Anmerkungen und Quellen

[1] Il Ponte Casa d’Aste, Gerolamo Etro – A Love Affair, Auktion 794, Mailand, 22. September 2026, Los 64, Central Italian Master, 18th Century, Portrait of a Gentleman Holding a Letter, Öl auf Leinwand, 127 × 94,5 cm, Schätzung 2.000–3.000 Euro; Katalogvermerke „With defects and restorations“ und „LOT WITHDRAWN FOR INSPECTION“.

[2] Il Ponte Casa d’Aste, Gerolamo Etro – A Love Affair: Creativity Through the Memory of Objects, 2. September 2026; Auktion 22.–24. September 2026.

[3] Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Inv. 0709, Pompeo Girolamo Batoni, Manuel de Roda, 1765, Öl auf Leinwand, 99 × 75 cm.

[4] Museo Nacional del Prado, Inv. P000048, Pompeo Batoni, George Legge, Viscount Lewisham, 1778, Öl auf Leinwand, 127 × 100 cm.

[5] National Trust Collections, NT 1181071, Pompeo Girolamo Batoni, George Edward Henry Arthur Herbert, 2nd Earl of Powis, 1776–77, Öl auf Leinwand, 134,6 × 96,5 cm.

[6] Sotheby’s, The Rafael Valls Sale Online, 8. April 2020, Los 57, Studio of Pompeo Girolamo Batoni, A portrait of a gentleman, Schätzung £6.000–8.000.

[7] Dorotheum, Imperial Court Memorabilia & Historical Objects, Wien, 12. Juni 2025, Los 20, Circle of Pompeo Batoni, Emperor Franz I Stephan, Schätzung 10.000–20.000 Euro; erzielter Preis 13.000 Euro einschließlich Aufgeld.

[8] Sotheby’s, The Manny Davidson Collection: A Life in Treasures and Benevolence, 5. November 2025, Los 75, Pompeo Batoni, Portrait of the Rev. Thomas Kerrich (1748–1828), Schätzung 100.000–150.000 Euro.

[9] Christie’s, Old Master Paintings & Sculpture Online, 2020, Pompeo Batoni, Portrait of a gentleman, bust-length, in a plum coloured jacket and pink waistcoat.

[10] Dorotheum, Old Master Paintings, Wien, 21. April 2010, Los 31, Anton von Maron, Portrait of a gentleman traditionally identified as Prince William Henry, Duke of Gloucester, Schätzung 20.000–25.000 Euro, erzielter Preis 57.255 Euro einschließlich Aufgeld.