Am 18. September 2026 bringt Koller in Zürich eine der stärkeren eigenständigen Dorfszenen von Pieter Brueghel d. J. erneut auf den Auktionsmarkt. Das Gemälde war 2022 bei Sotheby’s noch auf £1–1,5 Millionen geschätzt worden und erzielte einen Zuschlag von £950.000. Vier Jahre später liegt die Schätzung bei Koller bei CHF 600.000–900.000. Gerade diese schnelle Rückkehr macht das Los besonders interessant.

Pieter Brueghel d. J. (1564–1637/38) ist auf dem Auktionsmarkt kein seltener Name. Seine Werkstatt produzierte eine beträchtliche Anzahl von Gemälden, und viele seiner bekanntesten Kompositionen sind in mehreren Versionen überliefert.

Das Gemälde, das Koller am 18. September als Los 3018 anbietet, ist Das Wirtshaus zum Schwan. Die um 1626 entstandene Tafel misst 44 × 62,8 cm, ist unten rechts mit P. BREVGHEL signiert und trägt auf der Rückseite sowohl die Marke des Antwerpener Tafelmachers Michiel Vrient als auch Antwerpener Brandmarken. Koller schätzt das Werk auf CHF 600.000–900.000, umgerechnet rund €640.000–960.000 ($750.000–1,12 Millionen).[1]

Pieter Brueghel d. J., Das Wirtshaus zum Schwan, um 1626, Öl auf Holz, 44 × 62,8 cm. Unten rechts signiert P. BREVGHEL. Das Gemälde wird am 18. September 2026 bei Koller in Zürich mit einer Schätzung von CHF 600.000–900.000 angeboten.

Ein Brueghel, in dem die Figuren das Bild beherrschen

In vielen von Brueghels panoramischen Kirmesdarstellungen, Winterlandschaften und Dorfszenen wird der Mensch Teil einer wesentlich größeren Welt. Hier geschieht beinahe das Gegenteil. Zwar führt die Straße tief in das Dorf hinein, doch im Vordergrund drängen sich die Zecher geradezu in den Raum des Betrachters.

Links wird aus dem dunklen Fenster des Wirtshauses frisches Bier gereicht. Am Tisch weisen Hände, Blicke und Krüge in alle Richtungen. Der Mann mit der roten Mütze streckt seinen Arm nach rechts; ihm gegenüber wiederholt die Frau mit dem Strohhut diese Bewegung beinahe spiegelbildlich. Dazwischen sitzen Trinker, die kaum noch wahrzunehmen scheinen, was um sie herum geschieht.

Brueghel entwickelt die Darstellung anschließend aus einer Folge immer kleiner werdender Episoden. Weiter hinten reißt ein Kind die Arme in die Höhe. Ein Schwein scheint sich gegen diejenigen zu wehren, die es festhalten wollen. Dahinter kommt es zu Wortgefechten und einer Rangelei. Noch weiter in der Tiefe lösen sich die Figuren schließlich beinahe in der Dorfstraße auf.

Gerade dieser Übergang vom Großen zum Kleinen verleiht dem Bild seinen Rhythmus. Der Blick wird zunächst von der theatralischen Vordergrundszene eingefangen und erst anschließend in das Dorf hineingezogen. Darin liegt auch ein Grund, weshalb sich diese Komposition visuell von vielen dichter bevölkerten, aber kleinfiguriger angelegten Dorfszenen Brueghels unterscheidet. Auf anderen Fassungen der Komposition ist am Wirtshaus ein hölzernes Schild mit der Aufschrift In de swaen zu sehen. Der Titel bezeichnet somit die Kompositionsgruppe, zu der das Gemälde gehört.[1][5]

Nicht einfach eine Kopie nach dem Vater

Diese Wirtshausszene gilt als eigenständige Erfindung Pieter Brueghels d. J. und nicht als Wiederholung eines bekannten Gemäldes seines Vaters. Klaus Ertz nahm die Tafel unter der Nummer E1182 in sein Werkverzeichnis auf und beurteilte ihre malerische Qualität ausgesprochen hoch. Nach der Literatur sind acht als eigenhändig geltende Fassungen der Komposition bekannt. Die früheste datierte Version stammt von 1625; datierte Beispiele sind bis 1632 überliefert.[2][3][5]

Pieter Brueghel d. J., Village Scene with Peasants Carousing and Dancing around a Maypole, Öl auf Holz, 49,5 × 85,5 cm. Sotheby’s bot das Gemälde am 1. Juli 2026 mit einer Schätzung von £2,5–3,5 Millionen an.

CHF 600.000–900.000 gegenüber £950.000 Zuschlag im Jahr 2022

Die ältere Provenienz ist vergleichsweise übersichtlich. Um 1905 befand sich das Gemälde in der Sammlung von Jacques Hynderick de Ghelcke und gelangte anschließend durch Erbschaft in eine bedeutende Sammlung. Am 9. März 1983 wurde es bei Sotheby’s in London versteigert und erzielte £105.000. 2022 kehrte es zu Sotheby’s zurück, diesmal als eines der flämischen Gemälde der Old Masters Evening Auction. Die Schätzung lag bei £1–1,5 Millionen. Der Zuschlag erfolgte jedoch bei £950.000 und damit unterhalb der unteren Schätzgrenze. Einschließlich Aufgeld belief sich der veröffentlichte Verkaufspreis auf £1.184.500.[2][3][4]

Nach der Sotheby’s-Auktion nennt Koller lediglich eine außereuropäische Sammlung. Was genau in den vier Jahren zwischen dem Verkauf in London und der bevorstehenden Auktion in Zürich mit dem Gemälde geschah, lässt sich aus der Provenienz daher kaum ablesen. Gerade das macht die schnelle Rückkehr interessant. Für den Auktionsmarkt ist das Werk jedenfalls nicht marktfrisch: Seine letzte öffentliche Versteigerung liegt erst vier Jahre zurück und bildet deshalb noch immer eine sehr relevante Preisreferenz. Das könnte mit erklären, weshalb Koller nun eine deutlich vorsichtigere Schätzung angesetzt hat.

Selbst die obere Grenze der aktuellen Koller-Schätzung von CHF 900.000 liegt unter dem letzten Zuschlagspreis. Bereits 2022 blieb der Verkauf etwas hinter den damaligen Erwartungen zurück. Die jetzige Schätzung vermittelt daher den Eindruck, dass Koller dem Markt bewusst Raum lässt, den Preis neu zu bestimmen, anstatt lediglich das frühere Ergebnis reproduzieren zu wollen.

Pieter Brueghel d. J., Allegorie des Herbstes, 1622, Öl auf Holz, 41,1 × 56 cm. Koller schätzte das Werk im März 2026 auf CHF 300.000–500.000; verkauft wurde es für CHF 1.807.000 inklusive Aufgeld.

Die Lehre aus der Allegorie des Herbstes

Am 27. März verkaufte dasselbe Auktionshaus Pieter Brueghels signierte und 1622 datierte Allegorie des Herbstes. Die Schätzung lag bei CHF 300.000–500.000, etwa €320.000–530.000 ($370.000–620.000). Der endgültige Verkaufspreis betrug CHF 1.807.000 inklusive Aufgeld, rund €1,93 Millionen ($2,25 Millionen).[6]

Die Allegorie des Herbstes besaß etwas, das dem Wirtshaus zum Schwan ausdrücklich fehlt: Marktfrische. Das Werk war vermutlich seit 1935 nicht mehr öffentlich versteigert worden und befand sich seit vier Generationen im Besitz derselben Schweizer Familie. Zudem ist es auf 1622 datiert, gehörte wahrscheinlich ursprünglich zu einer vierteiligen Jahreszeitenfolge und wurde mit aktuellen technologischen Untersuchungen angeboten. Eine solche Kombination aus langjähriger Provenienz, gesicherter Datierung, technischer Dokumentation und kaum vorhandenen jüngeren Preisreferenzen kann auf einer Auktion eine intensive Konkurrenz unter den Bietern auslösen.

Dennoch scheint die Schätzung Spielraum zu lassen

Der Erfolg der Allegorie des Herbstes lässt sich daher nicht ohne Weiteres auf die kommende Auktion übertragen. Am 1. Juli 2026 bot Sotheby’s in London die deutlich größere und prestigeträchtigere Village Scene with Peasants Carousing and Dancing around a Maypole mit einer Schätzung von £2,5–3,5 Millionen an. Das Werk wurde bei £2,4 Millionen zugeschlagen: absolut betrachtet ein starkes Ergebnis, aber wiederum knapp unterhalb der unteren Schätzgrenze.[7]

Der Markt für Pieter Brueghel d. J. ist selektiv. Marktfrische, Provenienz, Qualität, Thema, Komposition und vor allem das Verhältnis zwischen Schätzpreis und Käufererwartung bleiben entscheidend. Gerade deshalb ist Kollers Schätzung von CHF 600.000–900.000 interessanter, als es eine erneute Bewertung von CHF 1–1,5 Millionen gewesen wäre.

Wir erwarten, dass der endgültige Zuschlag die obere Schätzgrenze übertreffen könnte. Eine Rückkehr in Richtung der £950.000, die das Gemälde 2022 bei Sotheby’s erzielte, würde uns nicht überraschen. Damit erhält ein Werk, das der Markt eigentlich bereits gut kennt, unerwartet erneut eine interessante Ausgangsposition.

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Anmerkungen und Quellen

[1] Koller Auctions, A218 Gemälde Alter Meister, Zürich, 18. September 2026, Los 3018, Pieter Brueghel d. J., Das Wirtshaus zum Schwan. Um 1626.

[2] Sotheby’s, Old Masters Evening Auction, London, 6. Juli 2022, Los 9, Pieter Brueghel the Younger, Peasants feasting and merrymaking in a village street.

[3] Antiques Trade Gazette, 27. August 2022, „Brueghel the Younger makes merry among just 20 lots“.

[4] Sotheby’s, „Peasants and Proverbs: Pieter Brueghel the Younger as Moralist“, 17. Oktober 2022. Sotheby’s nennt für dasselbe Los einen Verkaufspreis von £1.184.500 inklusive Aufgeld.

[5] Klaus Ertz, Pieter Brueghel der Jüngere (1564–1637/38). Die Gemälde mit Kritischem Oeuvrekatalog, Lingen 1988/2000, Bd. II, S. 834, 845–46, Nr. E1179–E1188, insbesondere E1182.

[6] Koller Auctions, A216 Gemälde Alter Meister, Zürich, 27. März 2026, Los 3027, Pieter Brueghel d. J., Allegorie des Herbstes. 1622. Schätzung CHF 300.000–500.000; von Koller veröffentlichter Verkaufspreis CHF 1.807.000 inklusive Aufgeld.

[7] Sotheby’s, Old Master & 19th Century Paintings and Sculpture Evening Auction, London, 1. Juli 2026, Los 15, Pieter Brueghel the Younger, Village Scene with Peasants Carousing and Dancing around a Maypole. Schätzung £2,5–3,5 Millionen.