Am 22. November kommt in Blois eine kleine Sammlung Alter Meister unter den Hammer. Zwei Gemälde dominieren die Auktion: Alessandro Alloris Portrait of Bianca Cappello, taxiert auf €200.000–300.000, und Jan van Kessel I und Adriaen van Stalbemts Allegory of the Five Senses, taxiert auf €400.000–600.000. Beide Schätzungen sind ambitioniert. Vor allem beim Van Kessel muss der Markt erst noch zeigen, ob er dieses Preisniveau mitträgt.
Das größte und spektakulärste Gemälde dieser Auktion ist zugleich das teuerste. Allegory of the Five Senses von Jan van Kessel I und Adriaen van Stalbemt wird in Blois auf €400.000–600.000 geschätzt. Daneben steht Alessandro Alloris Portrait of Bianca Cappello mit einer Taxe von €200.000–300.000.
Gemeinsam bilden die beiden Werke praktisch das Zentrum von Treasures of the Loire Valley: Private Collection of Mr X, einer überschaubaren Auktion bei VALOIR Pousse-Cornet. Unsere erste Reaktion galt vor allem dem Van Kessel: Ist eine halbe Million Euro für dieses Gemälde nicht sehr viel? Auch der Allori erschien zunächst ambitioniert angesetzt, doch seine Bewertung lässt sich durchaus nachvollziehen. Bei Van Kessel und Stalbemt liegt die Sache anders.[1]

Ein Raum, in dem alles betrachtet werden will
Van Kessels Allegory of the Five Senses ist kein Gemälde, das sich auf einen Blick erschließt. Links steht ein reich dekoriertes Cembalo. In der Mitte des Raumes sitzen fünf Frauen um einen Tisch. Eine riecht an Blumen, eine andere musiziert. Rechts folgen Schalen, Glaswaren, Fische, Früchte, Wild und Vögel. An den Wänden hängen Gemälde innerhalb des Gemäldes, während sich durch den hohen Bogen in der Mitte eine Landschaft öffnet.
Die Tafel misst 74 × 107 Zentimeter und ist wie eine kleine Enzyklopädie des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und Fühlens aufgebaut. Das passt hervorragend in die Bildwelt Jan van Kessels I (1626–1679). Über die Familie Brueghel stand er mitten in einer Antwerpener Tradition, in der kostbare Objekte, naturkundliche Kuriositäten und Allegorie miteinander verbunden wurden.

Van Kessel machte daraus eine eigene Spezialität. Blumen, Insekten, Tiere, Muscheln und Luxusgegenstände sind nicht bloß Dekoration; gemeinsam formen sie eine sichtbare Welt. Dieses Talent ist auch in der Tafel aus Blois leicht zu erkennen. Allerdings überzeugen die einzelnen Details stärker als die Komposition als Ganzes. Der Blick springt vom Cembalo zu den Blumen, von einer Frauenfigur zu einem Gemälde, von den Früchten zum Hirsch und wieder zurück. Die zentrale Figurengruppe vermag diese Fülle nur teilweise zusammenzuhalten.
Das Cembalo ist allerdings ein bemerkenswertes Detail
Das faszinierendste Objekt befindet sich ganz links. Auf dem zweimanualigen Instrument ist laut Katalog die Inschrift Andreas Ruckers me fecit Antwerpia 1619 zu lesen. Der Name Ruckers ist von Bedeutung. Die Antwerpener Familie gehörte zu den berühmtesten Cembalobauern des 17. Jahrhunderts, ihre Instrumente waren ausgesprochene Luxusobjekte.
Hier steht also nicht einfach irgendein Cembalo, das den Begriff des „Hörens“ illustrieren soll. Van Kessel scheint ganz bewusst ein erkennbares Antwerpener Prestigeobjekt dargestellt zu haben. Für Sammler flämischer Malerei kann ein solches Detail durchaus von Bedeutung sein. Aber rechtfertigt es auch eine halbe Million Euro?
Auf dem Papier war das Gemälde schon 2003 genauso viel wert
Dasselbe Gemälde kam am 25. Juni 2003 bei Tajan in Paris zur Auktion. Damals lag die Schätzung bei €450.000–550.000.[2] Damit wirkt die heutige Bewertung weniger willkürlich, als es zunächst erscheinen mag. Das Werk wird nicht plötzlich zu einem Vielfachen seines früheren Preisniveaus angeboten. Allerdings gibt es ein wesentliches Problem: Eine Schätzung ist kein Auktionsergebnis.
Auch die ausführliche Provenienz entspricht weitgehend jener von 2003. Der Überlieferung zufolge wurde das Gemälde um 1650 von Angibert Van den Berg in Auftrag gegeben und soll anschließend bis zur Auktion von 2003 in Familienbesitz geblieben sein. Das klingt eindrucksvoll.[2]

Der Markt bietet bislang wenig Unterstützung für €600.000
Für ein derart ungewöhnliches Gemälde eine sinnvolle Vergleichsauktion zu finden, ist schwierig. Eine beliebige Blumen- oder Tierdarstellung Van Kessels sagt wenig aus. Deutlich relevanter ist Allegory of Sight, a view of Antwerp beyond, eine Zusammenarbeit von Jan van Kessel I und Victor Wolfvoet II, die Christie’s im Juli 2018 in London versteigerte.
Auch dort verwendete Van Kessel ein mit Objekten gefülltes Interieur, um einen der Sinne darzustellen. Das auf Kupfer ausgeführte Gemälde misst 62 × 82,6 Zentimeter und war zudem gut in der wissenschaftlichen Literatur verankert. Es wurde in den Van-Kessel-Katalog von Klaus Ertz und Christa Nitze-Ertz aufgenommen.[3]
Die Schätzung lag bei £60.000–80.000. Das Werk wurde für £162.500 einschließlich Aufgeld verkauft, damals etwa €184.000.[3] Für die Tafel in Blois gibt es zweifellos Argumente für einen höheren Preis. Sie ist größer. Sie vereint alle fünf Sinne in einer einzigen Komposition. Das Ruckers-Cembalo ist außergewöhnlich. Dennoch bleibt der Abstand erheblich. Dass die aktuelle Schätzung ambitioniert ist, steht außer Frage.

Bei Allori verhält es sich umgekehrt
Auch der Allori wirkt zunächst teuer. Portrait of Bianca Cappello wird auf €200.000–300.000 geschätzt. Die Tafel misst 86 × 68,5 Zentimeter und zeigt eine junge Frau vor einem dunklen Vorhang. Während Van Kessel versucht, möglichst viel in ein einziges Bild zu packen, geht Allori beinahe den umgekehrten Weg. Das Gesicht wirkt kühl und kontrolliert. Bewegung und Pracht entstehen durch die spektakuläre Halskrause, die Perlen, die Goldstickerei und das rote Kleid.
In der florentinischen Hofporträtmalerei der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war Kleidung keineswegs nebensächlich. Rang und Reichtum wurden buchstäblich am Körper getragen. Alessandro Allori (1535–1607) wuchs im Umfeld seines Lehrers und Pflegevaters Bronzino auf. Bei der Auktion wird die Dargestellte als Bianca Cappello identifiziert, die Ehefrau von Francesco I de Medici. Das Gemälde wird zwischen 1560 und 1570 datiert. Eine berühmte Persönlichkeit als Dargestellte erhöht die Attraktivität eines Porträts zweifellos.[1]
€200.000 wirken plötzlich weniger überzogen
Im Juni 1995 wurde das Gemälde bei Tajan in Paris für 900.000 französische Franc verkauft, umgerechnet rund €140.000.[4] Mehr als dreißig Jahre später erscheint eine untere Schätzgrenze von €200.000 damit nicht unmittelbar überzogen.
Noch relevanter ist eine Auktion vom Februar dieses Jahres. Christie’s New York bot ein großes Portrait of a gentleman, possibly Don Antonio de Medici von Allori an. Die Schätzung lag bei $200.000–300.000, entsprechend etwa €170.000–255.000. Das Porträt erzielte $381.000 einschließlich Aufgeld, rund €325.000.[5]
Der Dargestellte ist ein anderer und auch das Format unterscheidet sich. Dennoch zeigt das Ergebnis, dass Sammler bereit sind, für ein überzeugendes Allori-Porträt erhebliche Summen zu zahlen. Ein zweiter Vergleich liegt inhaltlich noch näher. Christie’s verkaufte 2007 ein Portrait of a lady, possibly Bianca Capello de’ Medici. Das Werk war in eine Allori-Monografie aufgenommen worden und erzielte $133.000 einschließlich Aufgeld.[6]

Die eine Schätzung wird überzeugender, die andere fragwürdiger
Genau darin liegt letztlich das Interessante an dieser kleinen Auktion. Wer nur flüchtig durch den Katalog blättert, könnte beide Gemälde leicht als ambitioniert bewertete Alte Meister betrachten, die außerhalb von London, Paris oder New York angeboten werden.
Jüngere Auktionsergebnisse für Allori zeigen jedoch, dass die aktuelle Schätzung durchaus innerhalb des Marktniveaus liegt. Der Preis ist hoch, aber nachvollziehbar. Bei Van Kessel und Stalbemt ist die Situation etwas anders. Das Gemälde ist reich ausgestattet, ungewöhnlich, und das Ruckers-Cembalo ist tatsächlich ein bemerkenswertes Detail. Die entscheidende Frage bleibt jedoch, ob der Markt der hohen Bewertung folgen wird.
Anmerkungen und Quellen
[1] VALOIR Pousse-Cornet, Blois, Treasures of the Loire Valley: Private Collection of Mr X, 22. November 2026; Alessandro Allori, Portrait of Bianca Cappello, Schätzung €200.000–300.000; Jan I van Kessel und Adriaen van Stalbemt, Allegory of the Five Senses, Schätzung €400.000–600.000.
[2] Tajan, Tableaux Anciens, Paris, 25. Juni 2003, Los 20, Jan van Kessel und Adriaen van Stalbemt, The Five Senses, Schätzung €450.000–550.000.
[3] Christie’s, Old Masters Day Sale, London, 6. Juli 2018, Los 123, Jan van Kessel I und Victor Wolfvoet II, Allegory of Sight, a view of Antwerp beyond, Schätzung £60.000–80.000, Verkaufspreis £162.500 einschließlich Aufgeld; K. Ertz und C. Nitze-Ertz, Jan van Kessel (Antwerpen 1626–1679), 2013, Nr. 683.
[4] Le Journal des Arts, „Paris : sombres tableaux“, 1. Juli 1995; Bericht über den Verkauf von Alloris Portrait de Bianca Capella bei Tajan für 900.000 französische Franc.
[5] Christie’s, New York, 4. Februar 2026, Los 24, Alessandro Allori, Portrait of a gentleman, possibly Don Antonio de’ Medici, 106,7 × 84,4 cm; Schätzung $200.000–300.000, Verkaufspreis $381.000 einschließlich Aufgeld.
[6] Christie’s, New York, 4. Oktober 2007, Los 24, Alessandro Allori, Portrait of a lady, possibly Bianca Capello de’ Medici, 68,9 × 57,2 cm; Verkaufspreis $133.000 einschließlich Aufgeld.