Gemälde von Herri met de Bles gehören zu einem Markt, auf dem sehr unterschiedliche Preise erzielt werden. Im April 2025 brachte eine neu entdeckte Landschaft bei Dorotheum 350.000 € ein, bei einer Schätzung von 80.000–120.000 €. Ein Jahr später erzielte eine Kalvarienberg-Tafel beim selben Auktionshaus 180.000 €.
Am 29. April 2025 kam Landscape with the Vision of the Apocalypse of Saint John on Patmos, eine nur 35,5 × 55 Zentimeter große Tafel, zur Auktion. Das Werk war zuvor nicht publiziert worden. Ein Bles-Spezialist bestätigte die Zuschreibung, und das Gemälde erwies sich als bedeutende neue Ergänzung des bekannten Œuvres. Die Schätzung lag bei 80.000–120.000 €. Der endgültige Preis betrug 350.000 €.[1]
Dieses Ergebnis ist interessant, weil offenbar insbesondere die Kombination aus Qualität, Seltenheit, einer attraktiven Komposition und der Bedeutung, die der Entdeckung beigemessen wurde, stark ins Gewicht fiel. Unter den bekannten Varianten dieses Themas zeichnete sich das Gemälde durch seine Komplexität und Raffinesse aus.[1] Für den Markt ist das von Bedeutung. Bei einem Künstler, dessen Kompositionen in mehreren Fassungen und Varianten vorkommen können, ist nicht nur das Thema entscheidend, sondern auch die Qualität einer bestimmten Ausführung innerhalb dieser Werkgruppe.
Am 28. April 2026 verkaufte Dorotheum Christ on the Road to Calvary, Öl auf Holz, 32 × 44 Zentimeter. Ein Experte hatte die Zuschreibung nach Begutachtung des Werkes bestätigt, zudem lagen Ergebnisse technischer Untersuchungen vor. Das Gemälde war auf 180.000–220.000 € geschätzt und erzielte 180.000 € einschließlich Aufgeld.[2]
Die Bestätigung durch Spezialisten und technische Untersuchungen können Unsicherheiten rund um ein Gemälde verringern, führen jedoch nicht automatisch zu einem höheren Auktionsergebnis. Auch Motiv, Seltenheit, Qualität, Erhaltungszustand, Provenienz und die Konkurrenz zwischen den Bietern zum Zeitpunkt der Auktion bleiben entscheidend. Eine umfangreichere Dokumentation bedeutet daher nicht automatisch einen höheren Preis, kann jedoch von großer Bedeutung sein, um ein Gemälde überzeugend innerhalb des Œuvres einzuordnen.

Die Eule als Signatur ist berühmt, aber kein Beweis für die Authentizität
Über Herri met de Bles wissen wir nur sehr wenig. Heute wird allgemein angenommen, dass er mit jenem „Herry de Patenir“ identisch war, der 1535 in der Antwerpener Lukasgilde registriert wurde. Eine häufig vermutete verwandtschaftliche Beziehung zu Joachim Patinir ist hingegen nicht belegt.
Dies erschwert eine chronologische Ordnung des Œuvres. Die große Zahl der mit Bles in Verbindung gebrachten Werke entstand wahrscheinlich teilweise unter Beteiligung von Werkstattmitarbeitern und anderen Händen. Ein einfacher Vergleich zwischen einzelnen Gemälden ist daher mit Vorsicht zu betrachten.[3]
Kenner sprechen häufig von der Eule. In Italien wurde der Künstler als Il Civetta, „die Eule“, bezeichnet. Karel van Mander berichtete, Bles habe den kleinen Vogel in seinen Landschaften versteckt und die Betrachter hätten danach gesucht. Tatsächlich erscheint die Eule in mehreren Gemälden, die mit ihm in Verbindung gebracht werden. Das Motiv findet sich jedoch auch bei anderen Landschaftsmalern. Eine Eule allein macht eine Landschaft daher noch nicht zu einem Werk von Herri met de Bles.
Auch für den Kunstmarkt ist dies eine wichtige Unterscheidung. Zwischen einem vollständig Herri met de Bles zugeschriebenen Werk, einem Gemälde aus seiner Werkstatt oder seinem Umkreis und einem Werk, das lediglich mit seinem Namen in Verbindung gebracht wurde, können erhebliche Unterschiede bestehen. Eine alte Zuschreibung oder ein Eulenmotiv kann Anlass für weiterführende Untersuchungen geben.

Die Weltlandschaft erklärt die Anziehungskraft seiner besten Werke
Bles gehört zu den bedeutendsten Vertretern der im 16. Jahrhundert entwickelten Weltlandschaft: eines imaginären Panoramas, in dem Berge, Felsformationen, Flüsse, Städte, Wälder und ferne Horizonte aus erhöhtem Blickwinkel zu einer einzigen Welt zusammengeführt werden. Religiöse Ereignisse erscheinen darin überraschend klein und wirken bisweilen fast wie ein Anlass, um eine wesentlich umfassendere Landschaft darzustellen.[4]
Der Blick wandert vom Felsen zur Stadt, von der Figur zum Fluss, von der Architektur zu einem Motiv, das in der Ferne beinahe verschwindet. Dadurch sind die stärksten Werke nicht nur dekorativ attraktiv, sondern auch komplex. Diese Komplexität ist ebenfalls relevant, wenn verschiedene Fassungen derselben Darstellung miteinander verglichen werden.
In der Werkstatt konnten Motive, Felsformationen, Gebäude und Figurengruppen erneut verwendet werden. Das Vorhandensein mehrerer verwandter Kompositionen bedeutet daher nicht, dass jede Ausführung denselben Stellenwert besitzt. Gerade Unterschiede in Ausführung, Raumwirkung, atmosphärischer Perspektive und Detailreichtum können entscheidend sein, wenn zwei auf den ersten Blick vergleichbare Werke nebeneinandergestellt werden.

Welche Arten von Gemälden lassen sich innerhalb des Œuvres unterscheiden?
Obwohl nahezu das gesamte malerische Œuvre von Herri met de Bles von der Landschaft geprägt ist, lassen sich darin unterschiedliche Arten von Darstellungen unterscheiden. Die Landschaft bleibt in der Regel das beherrschende Element, während die biblische, historische oder alltägliche Handlung als kleinere Szene innerhalb dieser Umgebung erscheint.
Eine wichtige Gruppe bilden religiöse Reise- und Prozessionslandschaften. Die Bewegung der Figuren durch die Landschaft ermöglichte Bles, Straßen, Brücken, Städte, Felsen und ferne Horizonte miteinander zu verbinden. Religiöse Erzählung und Landschaft verstärken sich gegenseitig: Die Reise der dargestellten Personen wird zugleich zu einer Reise für das Auge des Betrachters.
Daneben gibt es Fluss-, Küsten- und Meereslandschaften. Flussarme, Häfen, Schiffe, felsige Küsten und weit entfernte Meeresblicke strukturieren diese Gemälde und ermöglichen ausgeprägte atmosphärische Übergänge von braunen und grünen Vordergrundtönen zu kühleren Blautönen in der Ferne.
Wasser ist dabei weit mehr als nur Hintergrund. Flüsse und Küstenlinien führen den Blick tief in das Gemälde hinein, verbinden unterschiedliche Bereiche der Komposition und verstärken den Eindruck, dass der Betrachter über eine gewaltige Welt hinwegschaut. Die biblische Geschichte wird in eine Welt aus Bäumen, Wasser, Tieren und minutiösen Details eingebettet. Das Gemälde kann dadurch beinahe wie eine vollständige Welt im Kleinen wirken. Der Betrachter kann die Landschaft langsam erschließen und dabei immer neue Szenen entdecken.

Eine weitere Gruppe bilden die Landschaften, in denen Arbeit und menschliche Tätigkeit im Mittelpunkt stehen. Bergleute, Arbeiter, Öfen, Werkzeuge, Wasseranlagen, Transport und Gebäude sind dabei in eine große felsige Landschaft eingebettet. Das Thema ist außergewöhnlich, weil menschliche Arbeit hier eine wesentlich größere Rolle spielt als lediglich als kleines biblisches Motiv innerhalb der Landschaft.
Gerade dadurch sind solche Gemälde innerhalb von Bles’ Œuvre besonders interessant. Sie zeigen, dass seine Landschaften nicht ausschließlich religiöser Betrachtung dienten. Sie konnten auch Technik, Arbeit und wirtschaftliche Tätigkeit sichtbar machen. Die menschlichen Figuren bleiben gegenüber der Natur klein, doch ihre Aktivitäten sind überall in der Landschaft präsent.
Eine wesentlich seltenere Kategorie bilden historische Landschaften. Ein Heer, eine Stadt und ein historisches Ereignis treten an die Stelle der kleinen religiösen Erzählung. Auch das Format kann solche Werke von deutlich kleineren Tafeln unterscheiden. Gerade die Verbindung von historischem Thema, Größe und erzählerischer Komplexität erklärt, weshalb ein solches Gemälde auf dem Kunstmarkt nicht ohne Weiteres mit einer gewöhnlichen Kalvarienberg- oder Flusslandschaft verglichen werden kann.
Auch innerhalb der religiösen Gemälde gibt es unterschiedliche Beziehungen zwischen Erzählung und Landschaft. Manchmal muss der Betrachter ein kleines biblisches Ereignis regelrecht innerhalb einer gewaltigen Umgebung suchen; in anderen Werken sind Figuren und Handlung deutlicher präsent. Nicht jedes Gemälde von Bles ist lediglich eine Landschaft mit kleinen Figuren.
Ebenso muss mit Varianten und Werkstattproduktion gerechnet werden. Städte, Felsformationen, Bäume, Tiere, Häfen und andere Motive kehren in unterschiedlichen Kompositionen wieder. Zwei Gemälde können daher im Gesamtaufbau sehr ähnlich erscheinen und sich dennoch erheblich in Detailreichtum, Erfindungskraft und Qualität der Ausführung unterscheiden.
Für den Kunstmarkt ist gerade dieser letzte Punkt von besonderer Bedeutung. Innerhalb desselben Darstellungstyps können Originalität der Komposition, Ausführung, Qualität, Provenienz, Zuschreibung und Werkstattstatus erhebliche Unterschiede verursachen.

Technische Untersuchungen können bei Bles besonders wichtig sein
Da Dokumentation und gesicherte Datierungen so selten sind, kommt technischen Untersuchungen innerhalb des Œuvres ein außergewöhnliches Gewicht zu. Infrarotreflektografie kann beispielsweise eine Unterzeichnung sichtbar machen und dadurch Informationen darüber liefern, wie eine Komposition vorbereitet und während des Malprozesses verändert wurde. Solche Befunde können bei der Unterscheidung von Originalkompositionen, Kopien, Nachfolgern und Werkstattpraktiken helfen.
Wenn mehrere Fassungen einer Komposition existieren, können Informationen über die Unterzeichnung, die Holzart, Pigmente und den Aufbau der Malschichten dazu beitragen, zu beurteilen, wie überzeugend sich ein Werk innerhalb des Œuvres einordnen lässt.
Eine Tafel aus dem 16. Jahrhundert, historisch passende Pigmente oder eine Unterzeichnung beweisen für sich genommen noch keine Autorschaft. Bedeutung erhalten solche Befunde erst dann, wenn sie mit Gemälden, Unterzeichnungen und Arbeitsmethoden verglichen werden, die kunsthistorisch überzeugend mit Bles und seiner Werkstatt in Verbindung gebracht werden können.
Technische Untersuchung und Kennerschaft ergänzen einander daher. Eine überzeugende Beurteilung entsteht aus mehreren Ebenen. Was ist auf der Oberfläche sichtbar? Was befindet sich darunter? Wie wurde die Tafel hergestellt? Wie verhält sich die Komposition zu anderen Fassungen? Und was verrät die dokumentierte Geschichte des Gemäldes?

Jüngste Auktionsergebnisse zeigen große Unterschiede
Im April 2017 wurde On the Way to Mount Calvary verkauft, ein Gemälde in Öl auf Holz mit den Maßen 31 × 47 Zentimeter. Das Werk verfügte über eine umfangreiche Provenienz und war unter anderem in der Literatur von Max Friedländer aufgenommen worden. Die Schätzung lag bei 20.000–30.000 €, der Kaufpreis betrug 25.000 € einschließlich Aufgeld.[5]
Starke Gemälde konnten jedoch auch bereits früher mehrere Hunderttausend Euro oder Pfund erzielen. Am oberen Ende des Marktes gehen die Preise noch deutlich weiter auseinander. A siege at Thérouanne, with an army led by Charles V encamped below the city wurde 2009 bei Christie’s versteigert. Die Tafel misst nicht weniger als 118 × 181 Zentimeter und wurde für mehr als eine Million Pfund verkauft.[3]
Für den Besitzer einer kleinen religiösen Landschaft ist dieses Ergebnis jedoch kaum als direkter Vergleich geeignet. Das Werk gilt innerhalb des Œuvres als außergewöhnlich. Es ist ungewöhnlich groß, das Thema ist historisch und nicht überwiegend religiös, und die Komposition enthält eine außerordentliche Fülle erzählerischer Details.[3]

Was bestimmt offenbar den Wert eines Werkes von Herri met de Bles?
An erster Stelle steht die Qualität der Zuschreibung. Ein Werk, das lediglich traditionell Bles zugeschrieben wird, befindet sich in einer anderen Kategorie als ein Gemälde, das von einem Spezialisten untersucht und in Beziehung zu anderen Werken gesetzt wurde. Danach folgen Qualität und Bedeutung der Komposition. Eine bislang unpublizierte Entdeckung kann ein völlig anderes Marktprofil besitzen als eine weitere Fassung einer häufig wiederholten Komposition.
Wenn eine Darstellung in mehreren Fassungen existiert, ist es relevant, ob ein Gemälde neue Elemente enthält, besonders qualitätvoll ausgeführt ist oder sich stark an ein bekanntes Modell anlehnt. Auch Provenienz und Literatur sind von Bedeutung. Eine lange zurückreichende Provenienz, eine Erwähnung in der Fachliteratur oder die Zugehörigkeit zu historischen Sammlungen können dazu beitragen, ein Werk fester innerhalb des Œuvres zu verankern.
Technische Merkmale bilden eine weitere Ebene. Pigmente, Unterzeichnung, Veränderungen während des Malprozesses und das Verhältnis zwischen originaler Malschicht und späteren Restaurierungen können von großer Bedeutung sein. Auch der Erhaltungszustand spielt eine Rolle. Bei dünn gemalten Landschaften kann Abrieb gerade jene transparenten Farbschichten und atmosphärischen Übergänge beeinträchtigen, die einen qualitätvollen Bles so attraktiv machen.
Eine Eule, ein altes Etikett, ein eindrucksvolles Motiv oder ein vergleichbares Format können Anlass für weitere Untersuchungen geben. Zunächst muss geklärt werden, was das Gemälde kunsthistorisch tatsächlich ist. Erst danach werden Auktionsvergleiche aussagekräftig. Auf dem Markt für Herri met de Bles wird nicht einfach für einen Namen bezahlt. Die Qualität und Überzeugungskraft des einzelnen Gemäldes bestimmen den Markt.
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Fußnoten und Quellen
[1] Dorotheum, Wien, Old Masters, 29. April 2025, Los 9, Herri met de Bles, Landscape with the Vision of the Apocalypse of Saint John on Patmos, Öl auf Holz, 35,5 × 55 cm. Schätzung 80.000–120.000 €; erzielter Preis 351.000 €.
[2] Dorotheum, Wien, Old Master Paintings, 28. April 2026, Los 23, Herri met de Bles, Christ on the Road to Calvary, Öl auf Holz, 32 × 44 cm. Schätzung 180.000–220.000 €; erzielter Preis 182.000 €.
[3] Christie’s, London, 8. Dezember 2009, Los 4, Herri met de Bles, A siege at Thérouanne, with an army led by Charles V encamped below the city, Öl auf Holz, 118,1 × 181 cm.
[4] Princeton University Art Museum, Herri met de Bles, The Road to Calvary, ca. 1535, Öl auf Holz, 82,2 × 114,3 cm. Das Museum beschreibt das Gemälde als Beispiel einer Weltlandschaft, in der die religiöse Darstellung gegenüber der weitläufigen Landschaft in den Hintergrund tritt.
[5] Dorotheum, Wien, Old Master Paintings, 25. April 2017, Los 19, Herri met de Bles, On the Way to Mount Calvary, Öl auf Holz, 31 × 47 cm. Schätzung 20.000–30.000 €; Kaufpreis 25.000 € einschließlich Aufgeld.
[6] Sotheby’s, London, Old Master & British Paintings Evening Sale, 5. Dezember 2012, Los 33, Herri met de Bles, An extensive rocky landscape with the Flight into Egypt, Öl auf Eichenholz, 44 × 74,3 cm. Schätzung £300.000–500.000.