Der Markt für Alte Meister wird zunehmend selektiver. Außergewöhnliche, marktfrische Gemälde können Bieter weit über die Schätzpreise hinaustreiben, während Zweifel an Preis, Zustand oder Zuschreibung hart bestraft werden. Knappheit spielt dabei eine immer größere Rolle. Das Angebot an Spitzenwerken bleibt begrenzt, während die Nachfrage nach ihnen erheblich sein kann.
Die Zahl der im vergangenen Jahr verkauften europäischen Alten Meister ging zurück, während der Umsatz deutlich anstieg. Gleichzeitig sprang die Zahl der Werke, die mehr als 1 Million Dollar erzielten, von 37 auf 80.[1] Mehr Geld, aber weniger Gemälde. Genau dort werden die Zahlen aus unserer Sicht interessant.
Die Zahlen deuten nicht auf einen Markt hin, der auf breiter Front steigt. Vielmehr zeigen sie einen Markt, der zunehmend davon bestimmt wird, was überhaupt verfügbar wird. Und wenn außergewöhnliche Werke auf den Markt kommen, halten sich die Bieter nicht zurück.

Ein Canaletto, für den es kaum eine echte Alternative gibt
Am 1. Juli 2025 verkaufte Christie’s in London Canalettos Venice, the Return of the Bucintoro on Ascension Day für 37,2 Millionen Euro (43,9 Millionen Dollar) einschließlich Aufgeld. Damit wurde ein neuer Auktionsrekord für Canaletto aufgestellt.[2] Interessanter ist jedoch, warum die Bieter gerade für dieses Gemälde so weit gingen.
Die Leinwand stammt aus den frühen 1730er-Jahren, einer der stärksten Phasen in Canalettos venezianischem Schaffen. Bereits 1736 hing das Werk in der Sammlung von Sir Robert Walpole in Downing Street. In den fast drei Jahrhunderten danach wechselte es nur wenige Male den Besitzer.
Genau diese Kombination kann den Markt für Alte Meister wachrütteln. Eine herausragende Schaffensperiode, ein wiedererkennbares Sujet, eine historische Provenienz, geringe Marktpräsenz und eine bedeutende Stellung innerhalb des Oeuvres. Ein Sammler, der ein solches Werk vorbeiziehen lässt, weiß nicht, wann wieder etwas Vergleichbares erscheint. Das Problem ist, dass Canalettos dieser Qualität und mit einer solchen Geschichte kaum zu ersetzen sind.

Zwei Van Huysums und zwei Bietergefechte
Ein weiteres Beispiel lieferten zwei Stillleben von Jan van Huysum (1682–1749), die am 30. Juni 2026 bei Christie’s in London angeboten wurden. Fruit and Flowers in a Wicker Basket war auf rund 3,5 Millionen Euro geschätzt und erzielte 7,6 Millionen Euro. Das signierte und 1734 datierte Flowers in a Terracotta Vase war ebenfalls auf rund 3,5 Millionen Euro geschätzt und endete bei 6,4 Millionen Euro.[3]
Van Huysum war bereits zu Lebzeiten außerordentlich teuer. Seine Blumen- und Fruchtstillleben verbanden botanische Präzision mit einer beinahe unwahrscheinlichen Sicherheit des Pinsels. Licht fällt durch Blätter und Blütenblätter, während zwischen dem Laub Insekten auftauchen.
Beide Tafeln verfügten zudem über bedeutende Sammlungsgeschichten. Fruit and Flowers hatte einst der Herzogin von Berry gehört. Das andere Werk befand sich unter anderem in der Sammlung von König Wilhelm II. der Niederlande. Im 19. Jahrhundert führte Baron Lionel Nathan de Rothschild die Gemälde als Pendants wieder zusammen.
Als sie 2026 auf den Markt zurückkehrten, erschienen zwei Werke, die seit mehr als zwanzig Jahren nicht öffentlich angeboten worden waren und zu den ambitionierteren Beispielen in Van Huysums Oeuvre zählen. Genau für solches Material ist der Markt derzeit bereit, sich zu bewegen.

Der Markt bezahlt auch für Entdeckungen
J.M.W. Turners The Rising Squall, Hot Wells, from St Vincent’s Rock, Bristol zeigt eine andere Seite des Marktes. 2024 wurde das Gemälde bei Dreweatts als Werk eines Nachfolgers von Julius Caesar Ibbetson verkauft. Einschließlich Gebühren lag der Preis lediglich bei einigen hundert Euro.
Nach Reinigung und weiterer Forschung änderte sich die Katalogisierung grundlegend. Das Gemälde erwies sich als Turners frühestes bekanntes Ölgemälde, das öffentlich ausgestellt worden war, ein Werk, das 1793 in der Royal Academy gezeigt wurde, als Turner siebzehn Jahre alt war. Sotheby’s schätzte es im Juli 2025 auf etwa 230.000-350.000 Euro. Der Hammer fiel bei 1,5 Millionen Pfund.[4]
Zuschreibung, Provenienz, Ausstellungsgeschichte und wissenschaftlicher Konsens sind in diesem Markt grundlegende Bestandteile des Wertes. Ein Gemälde, das von „follower of“ zu einem dokumentierten frühen Turner wird, befindet sich mit einem Schlag in einem völlig anderen Markt. Bieter zahlen nicht einfach nur für ein knappes Angebot; sie zahlen für seltenes Material, von dem sie überzeugt sind.

Gentileschi, bei Museen und auf dem Markt gleichermaßen begehrt
Bei Artemisia Gentileschi (1593-nach 1654) wird diese Knappheit besonders deutlich. Im Februar 2026 verkaufte Christie’s New York ihr kleines Self-Portrait as Saint Catherine of Alexandria für rund 4,8 Millionen Euro.[5] Es gilt als eines von nur fünf bekannten eigentlichen Selbstporträts Gentileschis. Drei davon befinden sich heute in Museumssammlungen.
Hier erhält der Begriff Knappheit eine sehr konkrete Bedeutung. Von fünf bekannten Werken befinden sich nur noch zwei außerhalb von Museumssammlungen. Gleichzeitig ist Gentileschi in den vergangenen Jahren fest in den kunsthistorischen Kanon aufgerückt und ihre Bedeutung wird zunehmend anerkannt. 2018 erwarb die National Gallery ein weiteres Self Portrait as Saint Catherine of Alexandria.[5]
Doch der Markt kann ebenso leicht abwinken
Am selben Sotheby’s-Abend, an dem der Turner auf rund 2,2 Millionen Euro stieg, blieb ein Werk von Clara Peeters unverkauft. A Presumed Self-Portrait with a Lavish Display of Objects in a Vanitas Still Life and a Still Life of Flowers in a Glass Vase war auf etwa 1,4-2,1 Millionen Euro geschätzt.[6] Peeters gehört zu den wenigen bekannten professionellen Malerinnen, die im frühen 17. Jahrhundert in Antwerpen tätig waren, und aus ihrem Oeuvre sind nur wenige Dutzend Werke bekannt. War die Schätzung schlicht zu ambitioniert?

Nicht teurer, sondern ein schwierigerer Markt
Ein zurückgezogenes beziehungsweise unverkauftes Gemälde ist nicht zwangsläufig ein schlechtes Gemälde. Dennoch wird ein Muster sichtbar. Der Markt für Alte Meister scheint härter zu werden. Wenn ein Gemälde eine überzeugende Kombination aus Qualität, Seltenheit, kunsthistorischer Bedeutung, Zustand, Provenienz und Marktfrische bietet, kann der Wettbewerb schnell zunehmen. Canaletto und Van Huysum zeigen dies am oberen Ende des Marktes. Gentileschi zeigt, was geschehen kann, wenn ein begrenztes Angebot mit institutioneller Neubewertung zusammentrifft. Turner wiederum zeigt, welches Gewicht neue Forschung haben kann.
Auf der anderen Seite werden Schwachstellen sofort sichtbar, sobald eine Schätzung ambitioniert wird. Eine fragliche Identifizierung, ein komplizierter Zustand, eine weniger überzeugende Stellung innerhalb des Oeuvres oder schlicht ein zu hoch angesetzter Preis können genügen. Die Bieter ziehen sich zurück.
Knappheit spielt dabei zweifellos eine Rolle. Viele der bedeutendsten historischen Gemälde befinden sich seit Generationen in Museen oder Privatsammlungen. Gelangt ein außergewöhnliches Werk einmal in eine Museumssammlung, verschwindet es faktisch vom Markt. Und neue Rembrandts, Van Huysums oder Canalettos werden schließlich nicht mehr gemalt.
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Anmerkungen und Quellen
[1] Clare McAndrew, Arts Economics, The Art Basel and UBS Art Market Report 2026.
[2] Christie’s, Old Masters Evening Sale, London, 1. Juli 2025, Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, Venice, the Return of the Bucintoro on Ascension Day, verkauft für 32.000.000 Pfund einschließlich Aufgeld.
[3] Christie’s, Old Masters Evening Sale, London, 30. Juni 2026, Jan van Huysum, Fruit and Flowers in a Wicker Basket und Flowers in a Terracotta Vase, verkauft für 6.500.000 beziehungsweise 5.550.000 Pfund einschließlich Aufgeld.
[4] Sotheby’s, Old Master and 19th Century Paintings Evening Auction, London, 2. Juli 2025, Los 28, J.M.W. Turner, The Rising Squall, Hot Wells, from St Vincent’s Rock, Bristol, Schätzung 200.000-300.000 Pfund, Zuschlag bei 1,5 Millionen Pfund.
[5] Christie’s, Old Masters, New York, 4. Februar 2026, Artemisia Gentileschi, Self-Portrait as Saint Catherine of Alexandria, verkauft für 5.700.000 Dollar einschließlich Aufgeld.
[6] Sotheby’s, Old Master and 19th Century Paintings Evening Auction, London, 2. Juli 2025, Clara Peeters, A Presumed Self-Portrait with a Lavish Display of Objects in a Vanitas Still Life and a Still Life of Flowers in a Glass Vase, Schätzung 1,2-1,8 Millionen Pfund, unverkauft.