Das Auktionshaus Daguerre schätzte ein Porträt von Charles II d’Amboise auf Holz auf lediglich €1.000-1.500. Bei der Versteigerung des Inventars von Château de Meillant fiel der Hammer erst bei €15.000. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Bieter darin plötzlich ein Werk von Bernardino de’ Conti erkannten. Es gibt jedoch gute Gründe, weshalb gerade dieses Gemälde zu weiterführenden Untersuchungen einlädt.
Ein Gemälde, das weit über seiner oberen Schätzung zugeschlagen wird, weckt zwangsläufig Aufmerksamkeit. Daguerre bot das Werk als Italienische Schule, 19. Jahrhundert, in der Art von Bernardino dei Conti mit einer Schätzung von €1.000-1.500 an. Die Holztafel zeigt Charles II d’Amboise.[1] Was sahen die Bieter, das in der Schätzung offenbar nicht berücksichtigt worden war?
Die verlockendste Erklärung lautet, dass jemand die Tafel für älter als das 19. Jahrhundert hielt. Das ist durchaus möglich. Die Geschichte von Château de Meillant liefert jedoch ein ebenso gewichtiges Argument in die entgegengesetzte Richtung.

Bernardino de’ Conti ist kein zufälliger Name
Der Verweis auf Bernardino de’ Conti ist bei diesem Los wesentlich interessanter, als die übliche Katalogformulierung „dans le goût de“ zunächst vermuten lässt. Charles II d’Amboise (1471–1511) war nicht nur Herr von Meillant, sondern unter Ludwig XII. auch einer der einflussreichsten französischen Machthaber in Italien. Und Bernardino de’ Conti hat Charles d’Amboise tatsächlich porträtiert.
Der Louvre verweist ausdrücklich auf ein von Bernardino signiertes und 1500 datiertes Porträt von Charles, das sich heute im Musée Saint-Vic in Saint-Amand-Montrond befindet. Der Dargestellte erscheint dort im Profil.[2] Wir haben es hier also nicht einfach mit einem Künstler des 19. Jahrhunderts zu tun, der ein beliebiges Renaissanceporträt im Stil eines lombardischen Meisters malte. Der im Katalog genannte Künstler, der Dargestellte und das Château, aus dem die Tafel nun verkauft wurde, gehören demselben historischen Umfeld an.
Darin dürfte ein Teil der Anziehungskraft für die Bieter gelegen haben. Zudem handelt es sich nicht um das einzige frühe Porträt Charles d’Amboises. Der Louvre besitzt ein zweites Bildnis aus der Zeit um 1508-1510, das lange mit Andrea Solario in Verbindung gebracht wurde.[2] Bei Charles d’Amboise gibt es also nicht die einfache Situation eines einzigen authentischen Porträts, auf das sämtliche späteren Darstellungen problemlos zurückgeführt werden könnten. Sein Bildnis zirkulierte, wurde kopiert und immer wieder neu interpretiert.

Meillant macht das Gemälde interessanter, aber auch verdächtiger
Die Herkunft aus Château de Meillant ist der zweite Faktor, der den Bieterwettstreit angeheizt haben könnte. Die Familie d’Amboise war unmittelbar für einen bedeutenden Teil der heutigen Architektur des Schlosses verantwortlich. Das gotische Château, in dem sich das Gemälde Jahrhunderte später befand, gehört also tatsächlich zur Lebenswelt des Dargestellten. Zugleich liefert gerade die Geschichte von Meillant das stärkste Argument für eine Datierung ins 19. Jahrhundert.
Ab 1842 wurde das Château umfassend restauriert, auch die Innenräume erfuhren weitreichende Veränderungen. Der Auktionskatalog enthält zahlreiche Möbel und Gegenstände des 19. Jahrhunderts, die bewusst Formen des 15. und 16. Jahrhunderts aufgreifen. In derselben Versteigerung befanden sich außerdem vier monumentale Historienporträts des im 19. Jahrhundert tätigen Künstlers Joseph Wereszczynski, darunter eine mutmaßliche Darstellung von Charles II d’Amboise.[3] Wir wissen daher, dass in Meillant im 19. Jahrhundert tatsächlich historische Porträts geschaffen oder zusammengetragen wurden, um die Vergangenheit des Château erneut sichtbar zu machen.
Das ist ein wichtiges Gegenargument gegen eine allzu romantische Deutung des Werks. Die bemalte Einfassung der Tafel fügt sich auffallend gut in ein solches historistisches Programm ein. Allegorien in Verbindung mit einer Darstellung des eigenen Familienschlosses wirken wesentlich eher wie historistische Selbstdarstellung des 19. Jahrhunderts. Denkbar wäre sogar, dass Tafel und Einfassung eigens für eine historische Porträtgalerie zusammengestellt wurden.

Warum also €15.000?
Bei Alten Meistern zahlen Käufer jedoch auch für den Spielraum, der zwischen den gesicherten Fakten bleibt. Und dieser Spielraum ist hier ungewöhnlich groß. Wir haben es mit einem Gemälde auf Holz zu tun, das eine historisch eindeutig bestimmbare Persönlichkeit darstellt, aus deren eigenem Château stammt und mit einer Porträttradition verbunden ist, zu der zwei bedeutende Mailänder Beispiele aus dem frühen 16. Jahrhundert gehören.
Eines davon ist tatsächlich von Bernardino de’ Conti signiert und 1500 datiert. Gleichzeitig wurde das angebotene Werk lediglich als italienische Schule des 19. Jahrhunderts katalogisiert und mit €1.000-1.500 angesetzt. Für einen Bieter, dem die Tafel bei persönlicher Begutachtung älter erschien, konnten €15.000 daher durchaus ein vertretbarer Betrag sein, um weitere Untersuchungen zu rechtfertigen.
Der Unterschied zwischen einer historistischen Kopie des 19. Jahrhunderts und beispielsweise einer Version des 16. oder 17. Jahrhunderts nach einem frühen Porträttypus ist bereits erheblich. Eine Tafel aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wäre selbst ohne prestigeträchtige Zuschreibung kunsthistorisch ein völlig anderes Objekt. Das Holz könnte nach der Auktion beispielsweise dendrochronologisch untersucht werden.

Der Name Bernardino verändert die Bewertung
Ein vollständig anerkanntes Werk von Bernardino de’ Conti bewegt sich finanziell in einer völlig anderen Sphäre. Im Februar 2025 verkaufte Sotheby’s in New York sein Portrait of an Elegantly-Attired Noblewoman in Profile für rund €3,0 Millionen.[4] Genau der Unterschied in der Katalogisierung ist hier entscheidend. Das Sotheby’s-Porträt war ein eingehend erforschtes, als eigenhändiges Werk Bernardino de’ Contis anerkanntes Gemälde mit bedeutender Provenienz.
Doch selbst am unteren Ende des anerkannten Marktes sind die Beträge beträchtlich. 2013 verkaufte das Dorotheum eine Madonna and Child von Bernardino für €180.000 inklusive Aufgeld, bei einer Schätzung von €150.000-200.000.[5]
Ein älteres Gemälde?
Das Bieten bis €15.000 ist kein Beweis dafür, dass das Gemälde vor 1800 entstanden ist. Ein Auktionsergebnis ersetzt keine technische Untersuchung, und zwei entschlossene Bieter bilden noch keinen kunsthistorischen Konsens. Auch der Kontext von Meillant weist keineswegs ausschließlich in Richtung Renaissance, im Gegenteil.
Das Château wurde im 19. Jahrhundert umfassend restauriert und mit Objekten ausgestattet, die bewusst an seine eigene mittelalterliche und frühneuzeitliche Vergangenheit erinnerten. Eine beliebige Kopie des 19. Jahrhunderts nach Bernardino würde einen solchen Preis vermutlich schwerer erklären. Hier aber treffen Sujet, Bildträger, Herkunft und die Existenz eines frühen Porträts ausgerechnet von dem im Katalog genannten Künstler aufeinander.
Die Katalogisierung kann sich durchaus als vollkommen zutreffend erweisen, und die Tafel könnte letztlich schlicht zum historistischen Interieur des 19. Jahrhunderts in Meillant gehört haben. Die Dokumentation lässt jedoch genügend Spielraum, um diese Einschätzung ohne technische Untersuchung nicht als letztes Wort zu akzeptieren. Denn wie alt ist das Gemälde selbst, unabhängig von der neugotischen Welt, in der es sich befand? Genau diese Frage dürften mindestens zwei Bieter bereit gewesen sein, weiterzuverfolgen.
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Anmerkungen und Quellen
[1] Daguerre, Château de Meillant, 1ère partie, Meillant, 20. September 2026, Los 92, École italienne, XIXe siècle, dans le goût de Bernardino dei Conti, Portrait de Charles II d’Amboise.
[2] Musée du Louvre, Sammlungsseite Charles d’Amboise (1471-1511), maréchal de France, gouverneur de Milan en 1500 et protecteur du peintre, Portrait de Charles II d’Amboise, Bernardino de‘ Conti, 1500, Musée Saint-Vic.
[3] Daguerre, Château de Meillant, 1ère partie, 20. September 2026, Los 114, Joseph Wereszczynski, vier historische Porträts, darunter eine mutmaßliche Darstellung von Charles II d’Amboise.
[4] Sotheby’s New York, Master Paintings & Sculpture Part I, 6. Februar 2025, Los 311, Bernardino de‘ Conti, Portrait of an Elegantly-Attired Noblewoman in Profile.
[5] Dorotheum, Old Master Paintings, Wien, 15. Oktober 2013, Bernardino de‘ Conti, Madonna and Child, erzielter Preis €183.300.