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Am 30. Oktober 2026 versteigert Beaussant Lefevre in Paris eine panoramatische Berglandschaft des flämischen Malers Tobias Verhaecht (1561-1631). Das Gemälde wird auf €4.000-6.000 geschätzt.[1] Besonders die atmosphärische Wirkung und der vielschichtige Bildaufbau ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. In diesem Artikel untersuchen wir, wie sich diese moderate Schätzung zum Markt für Verhaechts Landschaftsgemälde verhält.

Eine Holztafel von rund 40 mal 70 cm mit einem weiten Flusstal, Felsformationen, befestigten Städten und Gebirgsketten, die allmählich in der atmosphärischen Ferne aufgehen. Die Landschaft, die am 30. Oktober im Hôtel Drouot zur Versteigerung kommt, vereint aus unserer Sicht viele jener Eigenschaften, die Tobias Verhaechts Malerei so reizvoll machen.

Die Schätzung von €4.000-6.000 fällt daher eher moderat aus, insbesondere wenn wir sie mit einigen anderen Auktionsergebnissen des Antwerpener Malers vergleichen. 2023 erzielte ein Paar Berglandschaften bei Artcurial beispielsweise mehr als €44.000.[2] Das macht das kleine Gemälde interessant, denn die Darstellung besitzt auf den ersten Blick mehr kompositorischen Ehrgeiz und visuelle Anziehungskraft, als der Schätzpreis vermuten lässt.

Tobias Verhaecht vereint zerklüftete Felsformationen, Reisende und ferne Gebirgsketten zu einem atmosphärischen Panorama. Mountain Landscape with Figures, Öl auf Holztafel, 40,5 × 68,5 cm. Geschätzt auf €4.000-6.000.

Eine Landschaft, die sich nach und nach erschließt

Links beherrschen eindrucksvolle Felsformationen die Komposition. Die Gipfel ragen über einem dicht bewachsenen Hang auf, während tiefer gelegene Türme und kleine Gebäude zwischen den Felsen verborgen liegen. Rechts bildet eine steile, in Brauntönen gemalte Felswand mit hohen Bäumen eine zweite Begrenzung innerhalb der Komposition.

Zwischen diesen beiden dunklen Massen öffnet sich ein breites Flusstal. Eine Siedlung mit Türmen und Festungsmauern liegt am Wasser, während Wege und kleine menschliche Figuren die verschiedenen Bereiche der Landschaft miteinander verbinden. Weiter hinten verlieren sich die Berge allmählich in einer atmosphärischen Ferne.

Der räumliche Aufbau ist unserer Ansicht nach sorgfältig durchdacht. Der Blick wird vom dunklen Vordergrund aus entlang mehrerer diagonaler Linien in die Landschaft geführt. Ein Weg schlängelt sich von links nach unten, und eine Brücke überspannt den Fluss. Rechts unten stehen ein Reiter, ein Fußgänger und ein Hund. Ihre Erscheinung steht im Kontrast zu den kaum erkennbaren Figürchen an den Brücken und in der Ferne. Dieser Größenunterschied trägt wesentlich zu unserem Eindruck räumlicher Tiefe bei.

Verhaecht nutzt hier verschiedene Mittel, um Tiefe zu erzeugen. Im Vordergrund dominieren satte Grüntöne und warme Erdfarben. Je weiter sich die Landschaft in die Ferne erstreckt, desto stärker verschiebt sich die Farbpalette zu kühleren Blau- und Grautönen. Die entferntesten Bergketten lassen sich kaum noch vom Himmel unterscheiden. Gerade dieser atmosphärische Übergang macht das Gemälde reizvoll. Der Blick kann immer wieder durch die Komposition wandern, und darin liegt für uns ihre Stärke.

In Mountain Landscape with Tobias and the Angel (um 1600) nehmen die kleinen Figuren zwischen den monumentalen Felsformationen nur eine untergeordnete Rolle ein. Das 45 × 66 cm große Gemälde hatte ursprünglich ein Gegenstück.

Ein Künstler zwischen Patinir und Bruegel

Tobias Verhaecht gehört zu jenen Künstlern, die die Tradition der sogenannten Weltlandschaft aus dem 16. Jahrhundert bis weit ins 17. Jahrhundert fortführten. Ihre Ursprünge liegen bei Malern wie Joachim Patinir, Herri met de Bles, Joos de Momper und Pieter Bruegel dem Älteren. Ihre Landschaften verbinden hoch gelegene Blickpunkte mit weiten Panoramen, in denen Berge, Flüsse, Siedlungen und menschliche Aktivitäten zusammengeführt werden.

Dabei ging es nicht um die genaue Wiedergabe eines tatsächlich existierenden Ortes. Der Künstler konnte verschiedene Elemente zu einer imaginären Welt zusammenfügen, in der die Natur weit mehr Raum einnimmt als der Mensch. Verhaecht verfügte über eine große Werkstatt und arbeitete unter anderem mit Jan Brueghel dem Älteren und Frans Francken II. zusammen, die die Figuren in seinen Landschaften malten.

Auch auf Papier schuf Tobias Verhaecht eindrucksvolle Fernblicke. In dieser signierten und datierten Zeichnung von 1616 führen ein gewundener Weg und ein Fluss den Blick tief in die Landschaft hinein. Mountainous Landscape with Travelers on a Road.

Die auffälligen Parallelen zu anderen Gemälden

Eine der interessantesten kunsthistorischen Vergleichsmöglichkeiten bietet Mountainous Landscape with Venus and Adonis, ein Gemälde Verhaechts aus der Zeit um 1600 im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid. Das Werk misst 40 × 68 Zentimeter und ist ebenfalls in Öl auf Holztafel ausgeführt.[3]

Beide Gemälde gehören zum selben Typus der panoramatischen Berglandschaft, in der kleine Figuren in eine weitläufige Naturkulisse eingebettet sind. Das Verhältnis zwischen Landschaft und menschlicher Präsenz ist in beiden Darstellungen entscheidend.

Ein weiteres relevantes Gemälde befindet sich in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Auch dieses Werk, Mountain Landscape with Tobias and the Angel, wird auf die Zeit um 1600 datiert und misst 45 × 66 Zentimeter. Der Katalog vermerkt außerdem, dass das Gemälde ursprünglich ein Gegenstück mit der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten hatte.[4]

Diese Geschichte zeigt, dass Verhaechts Landschaften nicht immer als eigenständige Gemälde entstanden. Manche gehörten zu Bildpaaren, in denen ähnliche Berglandschaften unterschiedliche religiöse Szenen rahmten. Bemerkenswert ist dagegen, dass der aktuelle Auktionskatalog kein bestimmtes religiöses oder mythologisches Thema nennt. Die menschlichen Figuren werden lediglich als ‚Staffage‘ behandelt. Das könnte darauf hindeuten, dass die Darstellung in erster Linie als Landschaft gedacht war.

In Alpine Landscape (um 1600-1615) entfaltet Tobias Verhaecht seine Fantasiewelt auf einer 267 Zentimeter breiten Leinwand. Zerklüftete Bergformationen und weite Fernblicke bestimmen auch hier die Komposition.

Ein immer wiederkehrendes Bildrepertoire

Die auffällige Kombination aus Felsformationen, Brücken, Flusstal und Reitern gehört zu einem Repertoire, auf das der Künstler häufig zurückgriff. Beim vorliegenden Gemälde liegt der Reiz vor allem im Zusammenspiel der verschiedenen Landschaftszonen und in der atmosphärischen Gestaltung. Seine Gemälde erscheinen zwar mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf Auktionen, unterscheiden sich jedoch erheblich in Format, Datierung, Sujet, Dokumentation und Erhaltungszustand.

Ein brauchbares Vergleichsbeispiel ist Le Christ tenté, das Tajan am 22. Juni 2021 versteigerte. Das 45 × 65 Zentimeter große Gemälde war auf €4.000-6.000 geschätzt und erzielte €8.500.[5] Der Auktionskatalog verweist auf eine Zeichnung, die mit dem Gemälde in Verbindung gebracht wird.

Am 12. Juni 2025 versteigerte Bukowskis River Landscape with Figure Staffage im Format 55 × 82 Zentimeter. Das Werk war monogrammiert und auf 1611 datiert und zudem in der Dokumentation des RKD verzeichnet. Die Schätzung lag bei SEK 300.000-400.000, der Zuschlag jedoch nur bei SEK 270.000, umgerechnet rund €25.000.[6]

Am oberen Ende des Marktes steht eine Versteigerung bei Artcurial am 22. März 2023. Dort wurde ein Paar großformatiger Berglandschaften von Verhaecht angeboten. Die beiden Leinwandgemälde hatten eine gemeinsame Schätzung von €15.000-20.000 und wurden für €45.000 verkauft.[2] Dieses Ergebnis zeigt, dass Sammler durchaus bereit sein können, erheblich höhere Beträge für Verhaechts Landschaften zu bezahlen.

Beim jetzt angebotenen Gemälde fehlen allerdings einige Angaben. Eine genaue Datierung wird nicht genannt. Auch eine Signatur ist nicht vermerkt, und die verfügbare Katalogbeschreibung enthält weder einen Hinweis auf einen früheren Eigentümer noch auf eine historische Publikation oder eine andere dokumentierte Variante.

Monumentale Felsformationen und eine aufgewühlte See bilden die Kulisse für eine biblische Szene. Bei The Israelites Resting by the Red Sea (1621) arbeitete Tobias Verhaecht mit Frans Francken II. zusammen, der die menschlichen Figuren malte. Öl auf Holztafel, 60,5 × 105 cm.

Warum diese Landschaft dennoch Aufmerksamkeit verdient

Die Schätzung von €4.000-6.000 erscheint angesichts früherer Auktionsergebnisse durchaus plausibel. Das aktuelle Los zeichnet sich weder durch eine besondere Provenienz noch durch eine dokumentierte Datierung oder einen nachweisbaren Bezug zu einem bedeutenden Museumswerk aus. Das Interesse muss daher in erster Linie vom Gemälde selbst ausgehen. Dafür gibt es aus unserer Sicht gute Gründe.

Die Komposition entfaltet eine überzeugende räumliche Wirkung. Die massiven Felsformationen, das zentrale Flusstal und die verschiedenen Durchgänge innerhalb der Landschaft sind sorgfältig aufeinander abgestimmt. So entsteht ein monumentaler Eindruck. Vor allem die atmosphärische Gestaltung des Hintergrunds verleiht dem Gemälde seinen Reiz.

Für uns liegt der wichtigste Grund, dieses Gemälde im Auge zu behalten, in der Darstellung selbst. Es ist ein überzeugendes Beispiel jener fantasievollen Landschaftsmalerei, mit der Verhaecht seinen Ruf begründete. Die Auktion bietet damit eine interessante Gelegenheit zu beobachten, welches Gewicht Sammler diesen sichtbaren Qualitäten beimessen, wenn die kunsthistorische Dokumentation begrenzt ist.

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Anmerkungen und Quellen

[1] Beaussant Lefèvre & Associés, Tableaux, mobilier et objets d’art, Hôtel Drouot, Paris, 30. Oktober 2026, Los 131, Tobias Verhaecht, Paysage montagneux animé de personnages (Mountain Landscape with Figures), Öl auf parkettierter Holztafel, 40,5 × 68,5 cm, Schätzung €4.000-6.000.

[2] Artcurial, Maîtres anciens et du XIXe siècle, Paris, 22. März 2023, Los 92, Tobias Verhaecht, Paysages montagneux animés de personnages, ein Paar Ölgemälde auf Leinwand, eines monogrammiert und auf 1626 datiert. Schätzung €15.000-20.000; Ergebnis €44.608.

[3] Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid, Tobias Verhaecht, Mountainous Landscape with Venus and Adonis, um 1600, Öl auf Holztafel, 40 × 68 cm, Inv.-Nr. CTB.1996.177.

[4] Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Tobias Verhaecht, Gebirgslandschaft mit Tobias und Engel (Mountain Landscape with Tobias and the Angel), um 1600, Öl auf Eichenholz, 45 × 66 cm, Inv.-Nr. 2466.

[5] Tajan, Old Master Drawings and Paintings, Paris, 22. Juni 2021, Los 58, Tobias Verhaecht, Le Christ tenté, Öl auf Eichenholztafel, 45 × 65 cm. Schätzung €4.000-6.000; Ergebnis €8.500. Der Katalog verweist auf eine verwandte Zeichnung, RKD-Dokumentation Nr. 187250.

[6] Bukowskis, Stockholm, 12. Juni 2025, Los 629, Tobias Verhaecht, River Landscape with Figure Staffage, Öl auf verstärkter Holztafel, 55 × 82 cm, monogrammiert und auf 1611 datiert. Schätzung SEK 300.000-400.000; Zuschlagspreis SEK 270.000.

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