Ein mehr als zwei Meter breites Tiergemälde aus dem Umfeld von Roelant Savery schien vor der Auktion durchaus das Potenzial für einen ernsthaften Bieterwettstreit zu haben. Doch dazu kam es nicht. Das Gemälde, das vom Auktionshaus Herbette und Cabinet Turquin als Werk aus der Werkstatt Saverys katalogisiert wurde, erhielt bei 25.000 € den Zuschlag, bei einer Schätzung von 30.000-40.000 €. Dieses Ergebnis wirkt weniger überraschend, wenn man Format, Zuschreibung und Qualität des Bildes genauer betrachtet.
Beim französischen Auktionshaus Herbette wurde ein monumentales Paradis terrestre angeboten, Öl auf Leinwand, 163 × 237 Zentimeter, bevölkert von Pferden, Hirschen, Rindern, exotischen Raubkatzen und Vögeln. Die Katalogisierung lautete „Atelier de Roelandt Savery“, die Schätzung betrug 30.000-40.000 €.[1] Zugeschlagen wurde das Werk schließlich für 25.000 €.
Das liegt unterhalb der Schätzung und vor allem weit entfernt von den Summen, die für starke, gut dokumentierte Gemälde von Roelant Savery selbst gezahlt werden können. Nach genauerer Betrachtung erscheint uns das Ergebnis jedoch keineswegs wie eine verpasste Entdeckung. Die sichtbare Qualität der Ausführung, die vorsichtige Zuschreibung und die dünne kunsthistorische Dokumentation erklären zusammengenommen recht gut, warum die Gebote nicht weiter stiegen.

Das entscheidende Wort lautet „Werkstatt“
Wer nur auf den Namen blickt, kann leicht zu falschen Preisvorstellungen gelangen. Dieses Gemälde wurde weder als eigenhändiges Werk Roelant Saverys noch als ihm zugeschriebenes Werk angeboten. Die Katalogisierung lautete atelier de, und bei einem Künstler wie Savery macht dieser Unterschied erheblich etwas aus.
Die besseren eigenhändigen Gemälde haben in der Regel mehr vorzuweisen als lediglich eine wiedererkennbare Tierwelt. Häufig gibt es eine Signatur oder Datierung, eine überzeugende stilistische Einordnung innerhalb des Oeuvres, eine ältere Provenienz oder eine Verankerung in der Fachliteratur. Das Standardwerk ist nach wie vor Kurt J. Müllenmeisters Roelant Savery. Kortrijk 1576–1639 Utrecht. Hofmaler Kaiser Rudolf II. in Prag. Die Gemälde mit kritischem Oeuvrekatalog, erschienen 1988.[2]
Herbette führte für das vorliegende Gemälde keine Müllenmeister-Nummer an. Ebenso wenig wurden eine historische Provenienz, ein früherer Verkauf, eine Ausstellungsgeschichte oder weitere Literatur genannt. Das ist relevant, denn bei 30.000, 50.000 € oder mehr möchte der Markt in der Regel wissen, worauf die behauptete Nähe zum Meister konkret beruht.
Das Format überzeugt mehr als die Ausführung
Das Format war das stärkste Argument für das Gemälde. Mit 163 × 237 Zentimetern besitzt es eine physische Präsenz, die den meisten Savery-bezogenen Tiergemälden auf dem Markt fehlt. An einer Wand muss das Werk außerordentlich imposant wirken. Doch Format und Qualität gehen hier unseres Erachtens nicht vollständig Hand in Hand.
Die stärkste Partie befindet sich auf der rechten Seite. Das helle Pferd ist klar modelliert und etwas von den übrigen Tieren abgesetzt, wodurch es den Blick unmittelbar auf sich zieht. Das Licht auf Hals und Brust sowie die hellen Wolken in seiner Nähe verleihen dem Tier Volumen und machen es zum visuellen Schwerpunkt des Gemäldes. Auch das gefleckte Raubtier links vom Löwen besitzt genügend Präsenz, um sich im dunklen Vordergrund zu behaupten.
Demgegenüber ist die Behandlung verschiedener anderer Tiere deutlich uneinheitlicher. Besonders in der dunklen linken Bildhälfte drängen sich Körper und Konturen eng aneinander. Die braunen Pferde, Hirsche und übrigen Tiere wirken eher übereinandergeschichtet als räumlich wirklich überzeugend organisiert. Einige Köpfe sind vergleichsweise allgemein wiedergegeben. Der Löwe im Zentrum besitzt auf der Fotografie zwar Gewicht, ihm fehlt jedoch die Präzision, die man bei Saverys stärksten Tierdarstellungen erwartet.

Werkstattarbeit oder eigenhändiger Savery?
Ähnliches gilt für die Vögel. Die Papageien hoch im Baum wirken durch ihre kontrastierenden Farbakzente durchaus effektvoll, ihre Funktion ist jedoch in erster Linie kompositorisch und kein Zeichen besonders hoher malerischer Qualität. Der Waldrand und die ferne Landschaft erzeugen genügend Tiefe, um den Vordergrund freizustellen, weisen aber nur wenig Verfeinerung auf.
Dieser Unterschied ist wichtig, denn Saverys beste Werke sind häufig kleiner, doch die einzelnen Tiere bewahren darin ihre Individualität. Dieses Gemälde entfaltet seine Wirkung vor allem aus der Distanz. Das ist keineswegs unerheblich, doch eine tatsächliche Einordnung deutlich näher an Savery selbst scheint vor allem aus einer romantisierenden Betrachtungsweise heraus verlockend.
Alte Restaurierungen wiegen bei diesem Format schwerer
Bei einer Leinwand von 163 × 237 Zentimetern gewinnt der Erhaltungszustand zusätzlich an Bedeutung. Ältere Restaurierungen können bei einem Werk dieser Größe von lokalen Retuschen über eine Doublierung und Bereibungen bis hin zu umfangreicheren Eingriffen reichen. Ein Käufer übernimmt möglicherweise also auch ein erhebliches konservatorisches Thema. Hinzu kommt, dass auch der Transport bei diesem Format keineswegs unkompliziert ist. Das dürfte die Zahl potenzieller Bieter zusätzlich begrenzt haben.
Der Markt ordnet das Werk eigentlich recht logisch ein
Ein Savery-bezogenes Tiergemälde, das in der Zuschreibung auf deutlichem Abstand zum Meister bleibt, auch wenn es visuell überzeugt, gehört in ein anderes Marktsegment. Denn ein „Savery-artiges Gemälde“ und „ein starker Savery“ sind auf dem Kunstmarkt zwei vollkommen unterschiedliche Kategorien.
Wenn Qualität, Dokumentation und Sujet zusammenkommen, kann das Ergebnis deutlich höher ausfallen. Sotheby’s verkaufte 2016 Saverys signierten und datierten Orpheus Charming the Animals von 1618 für rund £450.000. Das Werk verfügte über eine lange Provenienz, Ausstellungsgeschichte und Literatur und war als vollgültiges eigenhändiges Werk Saverys anerkannt.[3]

Warum blieb es bei 25.000 €?
Rückblickend erscheint die Schätzung von 30.000-40.000 € eher ambitioniert als vorsichtig. Das Gemälde hatte klare Pluspunkte: sein Format, seine unmittelbare dekorative Wirkung und eine Katalogisierung, die es direkt mit Saverys Werkstatt verband.
Was fehlte, waren genau jene Faktoren, die notwendig gewesen wären, um das Werk in ein höheres Marktsegment zu heben. Es gab keine publizierte Signatur oder Datierung. Keine dokumentierte Provenienz. Keine Referenz auf Müllenmeister und keine publizierte Ausstellungs- oder Literaturgeschichte.
Das monumentale Format lässt zunächst an ein bedeutendes Gemälde denken. Bei längerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Ausführung dieses Versprechen nur teilweise einlöst. Das weiße Pferd und einige andere Tiere überzeugen, doch an anderen Stellen sind die Tierfiguren deutlich durchschnittlicher gemalt und die räumliche Organisation weniger präzise. Damit bleibt ein imposantes Tiergemälde des 17. Jahrhunderts aus dem unmittelbaren Savery-Umfeld, jedoch ohne ausreichende kunsthistorische Verankerung oder sichtbare malerische Verfeinerung, um in eine höhere Kategorie vorzudringen.
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Anmerkungen und Quellen
[1] Herbette, Objets d’art et de bel ameublement, tableaux anciens, XIXè et modernes, Doullens, 27. September 2026, Los 21, „Roelandt Savery (1576–1639). Atelier de. École flamande XVIIe. ‘Paradis terrestre’“, Öl auf Leinwand, 163 × 237 cm; Schätzung 30.000-40.000 €.
[2] Kurt J. Müllenmeister, Roelant Savery. Kortrijk 1576–1639 Utrecht. Hofmaler Kaiser Rudolf II. in Prag. Die Gemälde mit kritischem Oeuvrekatalog, Freren: Luca Verlag, 1988.
[3] Sotheby’s, Old Masters Evening Sale, London, 10. Dezember 2016, Roelandt Savery, Orpheus Charming the Animals, 1618, erzielter Preis £452.750.